Die falsche Währung
Was machst du? Das ist die erste Frage, die Menschen stellen, wenn sie jemanden kennenlernen. Wer du wirklich bist, was dich momentan bewegt, das kommt entweder erst später oder gar nie. Deine Antwort auf die erste Frage definiert deinen Wert, sie bestimmt, ob das Gespräch weitergeht.
Ich habe diese Frage dreissig Jahre lang beantwortet, mit Titeln, Positionen, Erfolgen, Rollen und keine Ahnung was alles. Die Antworten waren immer super, weil ich sie gut klingen liess und weil sie einfach funktionierten. Ich lieferte und wurde gelobt. Ich lieferte dann mehr und wurde sogar bewundert. Der Mechanismus war wirklich so einfach: Du lieferst und bekommst direkt Anerkennung. Was du erst später feststellst: Irgendwann brauchst du die Anerkennung, um dich selbst in deinen funktionierenden Antworten überhaupt noch ernst zu nehmen.
Irgendwann hörte der Mechanismus auf zu funktionieren. Nicht weil die Leistung nachliess, sondern weil die Belohnung sank, egal wie viel ich lieferte. Es war nie genug, nicht weil die Ergebnisse fehlten, sondern weil der Massstab mitwuchs. Mit dem Alter und den Karrieresprüngen wird Genügsamkeit natürlich sofort bestraft. Denn das Leistungsprinzip hat eine knallharte Eigenschaft: Es verschleisst. Nicht nur den Körper samt deinem Nervensystem, sondern auch den Glauben daran, dass es sich lohnt, einfach so weiterzumachen.
Es folgen Momente, die sich anfühlen wie Scheitern. Momente, in denen du merkst, dass die ganze Gleichung Leistung gleich Wert gleich Daseinsberechtigung nicht aufgeht. Nicht weil du versagst, sondern weil du irgendwann anfängst in einer anderen Währung zu rechnen. Meistens sind es Werte. Aber Werte sind eben keine Leistung. Wert durch Leistung ist richtig. Aber Werte statt Leistung funktioniert gesellschaftlich nicht.
Die Leistungsgesellschaft kennt also nur eine Antwort auf die Frage, was ein Mensch wert ist: das, was er produziert und was er dadurch erreicht hat. Output, messbar und vergleichbar zum Beispiel anhand eines Autoschlüssels. Wenn du nicht mehr produzierst und mehr erreichst, als du vorher erreicht hast, bist du auch nicht mehr wert. Das Ganze spitzt sich dann in der Frage zu: “Was machst du?”
Natürlich gibt es andere Währungen: Werte habe ich schon genannt. Aber es gibt noch mehr: den Beitrag. Leistung ist Output gegen Geld oder Status, das lässt sich messen und vergleichen. Beitrag ist Nutzen für andere, und dafür gibt es keine etablierte Metrik. Und es gibt auch nicht die Frage: “Was ist dein Beitrag?”
Ein Lehrer hat mir einmal gesagt, ich sei ok. Nicht weil ich etwas Besonderes geleistet hatte, sondern weil ich so war wie ich eben war. Ich war sechzehn und völlig überrascht, dass jemand meinen Wert nicht an einer Note festmachte, sondern an dem, was ich in das Klassenzimmer einbrachte. In dem Fall war es nicht Leistung, sondern Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Er nannte es vorbildlich. Jahre später sagte mir jemand, wenn ich in einem Raum bin, hat der Raum eine andere Energie. Ich habe das nicht als Kompliment wahrgenommen, sondern früh erkannt, dass es ein Wert war. Ein Wert, der ganz ohne Leistung zustande kam. Es zeigte mir, dass Wert existiert, der sich nicht in der Sprache der Leistungsgesellschaft ausdrücken lässt.
Das Problem ist nicht, dass diese Währung nicht existiert, sondern dass sie nicht akzeptiert wird. Versuch mal, auf die Frage “Was machst du?” zu antworten: “Ich bin da und verändere die Energie im Raum zum Positiven.” Das Gespräch ist damit vorbei.
Also erfindet man etwas dazu. Man erzählt von Projekten und Erfolgen, verpackt in der Sprache der Leistung, auch wenn man nicht alles 100% wahrheitsgetreu wiedergibt, weil das eh nicht alle machen. Das hat nichts mit Eitelkeit, sondern mit Überlebenstrieb zu tun. Die Alternative wäre Unsichtbarkeit.
Ich habe gesehen, dass es vielen so geht. Menschen, die in Produktivitätsmühlen stecken und spüren, dass ihre eigentliche Stärke woanders liegt, die etwas beitragen könnten, das sich nicht in Stunden oder Umsatz messen lässt und leider nicht den gesellschaftlichen Ansprüchen genügt.
Fazit: Die Frage “Was bin ich wert, wenn ich nichts leiste?” ist grundsätzlich falsch gestellt, nicht weil die Antwort fehlt, sondern weil “leisten” das falsche Verb ist. Die richtige Frage wäre: Was trage ich bei? Ich habe lange gebraucht, bis ich das für mich selber erkannte. Die Antwort steht auch nicht in meiner Vita, sondern klingt für mich wie die des Lehrers, der sagte: Du bist ok. Auf einer Networking-Veranstaltung kann ich das natürlich so nicht sagen, auch wenn es ehrlich wäre.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.