Placebo ist ein Geschäftsmodell

Die Armbänder waren 2010. Seitdem hat sich der Mechanismus nicht verändert. Er hat sich nur ausgebreitet.

Supplements ohne Wirknachweis, die nach Gesundheit aussehen und sich nach Gesundheit anfühlen. Coaching-Programme, die Transformation versprechen und Selbstoptimierung liefern, messbar nur in Testimonials. Wellness-Produkte, die auf Studien verweisen, die es nicht gibt oder die nicht zeigen, was behauptet wird. Politische Narrative, die Sicherheit versprechen und Angst bedienen.

Die Mechanik ist immer dieselbe. Erwartung erzeugt Erleben. Erleben bestätigt Glauben. Glaube erzeugt Nachfrage. Nachfrage erzeugt Profit. Und am Ende steht ein Mensch, der sagt: Ich habe es gespürt. Es hat mir geholfen. Wer will dem widersprechen?

Die Mechanik: Erwartung, Erleben, Glaube, Nachfrage, Profit. Der Kreislauf schliesst sich selbst.

Ich kann dem widersprechen, weil ich es selbst verkauft habe. Ich habe den Mechanismus von innen gesehen. Nicht als Beobachter, sondern als Beteiligter.

Das Marketing war klar strukturiert. Man braucht eine Geschichte, die grösser ist als das Produkt. Energie. Frequenz. Balance. Worte, die nach Wissenschaft klingen, ohne wissenschaftlich zu sein. Dann braucht man soziale Beweise. Sportler tragen es. Prominente tragen es. Dein Nachbar trägt es. Dann braucht man den Moment des Erlebens. Den Test. Die Vorführung. Den Augenblick, in dem der Kunde seinen eigenen Körper spürt und denkt, es kommt von aussen.

Das funktioniert. Nicht manchmal. Zuverlässig.

Und es funktioniert heute in weit grösserem Massstab als bei Silikonarmbändern. Die Armbänder waren ein Nischenprodukt. Der Mechanismus dahinter ist universell.

Nehmen wir Supplements. Ein Markt von mehreren hundert Milliarden Dollar weltweit. Die allermeisten Produkte brauchen keinen Wirksamkeitsnachweis, bevor sie auf den Markt kommen. Sie brauchen nur eine Verpackung, die seriös aussieht, und ein Versprechen, das vage genug ist. Nicht: Das heilt dich. Sondern: Unterstützt dein Wohlbefinden. Fördert deine Balance. Stärkt dein Immunsystem. Worte, die nichts Falsches sagen, aber alles Richtige suggerieren.

Nehmen wir Coaching. Ein Mensch mit einer überzeugenden Geschichte erzählt anderen Menschen, wie sie ihr Leben verändern können. Er zeigt Ergebnisse. Vorher-nachher. Testimonials von Kunden, die sagen: Es hat mein Leben verändert. Die Ergebnisse sind real, subjektiv, gefühlt. Aber was genau hat gewirkt? Die Methode? Die Aufmerksamkeit? Der Glaube, dass sich etwas ändert? Niemand stellt die Frage, weil die Antwort das Geschäftsmodell gefährden würde.

Nehmen wir Politik. Ein Narrativ, das Halt gibt. Wir gegen die. Früher war alles besser. Wenn wir das tun, wird alles gut. Die Wirkung ist messbar, in Umfragen, in Wahlergebnissen, in der Stimmung auf der Strasse. Ob das Narrativ stimmt, ist für die Wirkung irrelevant. Es muss sich nur richtig anfühlen.

Ich sage das nicht als Moralpredigt. Ich sage das als jemand, der selbst Teil davon war. Habe ich Glaube verkauft? In Silikon verpackt, mit einem Hologramm verziert, für 39,90 das Stück? Ich habe gesehen, wie es wirkt. Aber ob die Wirkung aus dem Produkt kam, weiss ich bis heute nicht.

Die Frage, die mich beschäftigt, ist nicht ob Menschen sich täuschen lassen. Das tun sie. Das ist keine Schwäche, das ist eine Eigenschaft. Der Wunsch zu glauben ist tief verankert. Tiefer als Vernunft, tiefer als Skepsis. Er sitzt dort, wo Hoffnung sitzt. Und Hoffnung ist nicht verhandelbar.

Die Frage ist, was wir als Gesellschaft damit tun. Ob wir akzeptieren, dass der Wunsch zu glauben ein Markt ist. Ob wir Regeln wollen, die diesen Markt begrenzen. Oder ob wir weitermachen wie bisher und darauf warten, dass die nächste Blase platzt.

Bei den Armbändern hat sie irgendwann geplatzt. Medienberichte, Gerichtsverfahren, Rückforderungen. Der Hype endete. Die Mechanik nicht.

Denn der Mechanismus verschwindet nicht, wenn ein Produkt vom Markt genommen wird. Er wandert weiter. Zum nächsten Produkt. Zum nächsten Versprechen. Zum nächsten Trend. Er ist nicht an ein Armband gebunden. Er ist an uns gebunden. An den Wunsch, dass es etwas gibt, das hilft. Das stärkt. Das hält. Auch wenn wir es selber sind, die halten.

Placebo ist kein Fehler im System. Placebo ist das System. Es ist das Geschäftsmodell unserer Zeit. Nicht weil die Anbieter böse sind. Sondern weil der Markt liefert, was die Menschen wollen. Und die Menschen wollen glauben.

Ich habe das gelernt. Nicht aus Büchern. Aus Erfahrung. Und ich werde es nicht vergessen.