Upskilling als Fiktion

Ein Beispiel, das immer wieder kommt. Ein Unternehmen automatisiert die Lagerverwaltung. Die Mitarbeiter, die bisher Bestände gezählt und Waren sortiert haben, werden umgeschult. Sie sollen jetzt strategische Logistik machen. Lieferketten optimieren. Datenanalysen interpretieren. Entscheidungen treffen, die vorher von Managern getroffen wurden. Man nennt das Upskilling.

Doch die Selbstverständlichkeit, mit der das geschieht, ist befremdlich.

Menschen, die jahrelang physische Arbeit gemacht haben, sollen jetzt strategisch denken. Nicht weil sie das wollen oder können. Sondern weil sie verschoben werden sollen. Weil die KI ihre Position jetzt übernimmt. Das geschieht manchmal verschleiert, manchmal ganz offen. Ich habe lange Jahre als strategischer Berater gearbeitet und weiß um die Verantwortung, wenn klare Entscheidungen getroffen werden müssen. Und ich weiß, dass dies nicht jedermanns Sache ist.

Upskilling: Vom Narrativ zur Realität

Upskilling klingt nach Aufstieg. Nach mehr Verantwortung, mehr Gehalt, mehr Status. In der Praxis bedeutet es oft: Du verlierst den Job, den du konntest, und bekommst einen, den du eventuell nicht kannst. Der alte Job hatte klare Abläufe, körperliche Arbeit, sichtbare Ergebnisse. Du hast am Ende des Tages gesehen, was du getan hast. Der neue Job hat Bildschirme, Tabellen, Meetings und die permanente Unsicherheit, ob du verstehst, was du tust. Ich hatte diese Unsicherheit immer und ich habe sie als Ampel genutzt: gehen, stoppen oder abwarten auf weitere Daten.

Was ich sehe, ist, dass niemand fragt, ob die Menschen das wirklich wollen. Und niemand genau nachprüft, ob sie es auch wirklich können. Beziehungsweise können wollen. Oder wollen können. Wenn ich also was Neues lernen will, muss ich auch die Verantwortung dahinter verstehen.

Folgende beiden Fragen werden selten gestellt.

Die erste: Wollen. Es gibt Menschen, die körperliche Arbeit gewählt haben. Nicht aus Mangel an Alternativen. Sondern weil sie gut darin sind und weil sie sie mögen. Weil es befriedigend ist, am Ende des Tages einen geordneten Lagerbestand zu sehen. Weil die Arbeit mit den Händen eine Art von Stolz und Befriedigung erzeugt, die in Stellenbeschreibungen unerwähnt bleibt. Diese Menschen werden jetzt vor einen Bildschirm gesetzt und sollen das als Herausforderung verstehen.

Die zweite: Können. Strategisches Denken ist kein Skill, den man in einem Dreitagesseminar lernt. Es ist eine Denkweise, die sich über Jahre entwickelt. Manche Menschen haben sie. Andere nicht. Nicht weil die einen klüger sind als die anderen, sondern weil es verschiedene Arten von Intelligenz gibt. Wer ein Lager im Kopf hat, alle Positionen kennt, Engpässe spürt, bevor sie in den Zahlen auftauchen, hat eine Fähigkeit, die kein Kurs vermitteln kann. Aber diese Fähigkeit zählt nicht mehr. Was zählt, sind ganz andere Fähigkeiten. Diese sind oft subtil, nicht greifbar und wenn sie auf was Greifbares zurückgreifen können, dann auf ein Bauchgefühl. Das muss man aber auch greifen können. Ein Bauchgefühl entwickelt sich aber über viele Jahre.

Wie so oft höre ich immer Erfolgsgeschichten. Die Mitarbeiter wurden befähigt, die Transformation gelang aber die Zahl derer, die dabei aufgegeben haben, bleibt im Dunkeln. Wie viele nach der Umschulung eine Arbeit tun, die sie nicht verstehen, die sie frustriert und ausbrennt, weil es als erfüllend und als Aufstieg verkauft wurde, was sich aber nicht bewahrheitet.

In der Beratung nennt man das Redeployment. Es bedeutet: Wir brauchen dich nicht mehr für das, wofür wir dich eingestellt haben. Wir entlassen dich aber nicht, sondern geben dir was anderes. Und verkaufen es als was Besseres. Das klingt zunächst human, aber in der Praxis habe ich oft einen langsamen Abschied gesehen. Denn viele Mitarbeiter merken im Laufe der Zeit, dass sie im neuen Job nicht mitkommen und ihr Vertrauen in sich selbst und die Firma verlieren. Sie funktionieren noch eine Weile auf der Position, aber füllen sie nicht mit Leben aus.

Ehrlich wäre gewesen: Wir haben Arbeitsplätze automatisiert und dabei konnten sich manche der betroffenen Menschen anpassen und andere eben nicht. Für die gibt es dann auch keinen Plan, der wirklich funktioniert. Upskilling hat für einige geklappt und für andere war es eine anfangs reizvolle Form der Herausforderung, die zur Überforderung wurde.

Doch Ehrlichkeit ist nun mal keine Erfolgsgeschichte, die in Powerpoint-Präsentationen Platz hat. Sondern mit dem Begriff Upskilling wird eine Richtung suggeriert: aufwärts. Du kannst mehr, du bist mehr wert und hast hier eine Zukunft. Meine Erfahrung ist, dass das nur bei den wenigsten wirklich klappt.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.