Spürten sie nur sich selbst?

Ich habe Menschen in Konferenzsälen gesehen, die schworen, sie spüren eine Kraft. Eine Energie. Etwas, das durch den Körper fliesst, sobald sie das Armband anlegen.

Ich begann zu glauben, dass sie nur sich selbst spürten.

Aber das ist nicht abwertend gemeint. Überhaupt nicht. Was sie spürten, war real. Die Stabilität beim Test war real. Das Gefühl, stärker zu stehen, war real. Die Überzeugung, dass sich etwas verändert hat, war real. Aber kam es aus dem Produkt? Oder aus ihnen?

Der menschliche Körper ist eine unglaublich feine Maschine. Er reagiert auf Erwartung. Er reagiert auf Kontext. Er reagiert auf das, was man ihm erzählt. Wenn ein Mensch in einem Raum steht, umgeben von anderen, die begeistert sind, und jemand ihm sagt: Das wird dich stärker machen, dann reagiert der Körper. Die Muskelspannung verändert sich. Die Haltung wird anders. Man steht tatsächlich stabiler. Nicht weil etwas von aussen einwirkt, sondern weil innen etwas passiert.

Das ist dokumentiert, untersucht, reproduzierbar. Es ist einer der ältesten Mechanismen der Medizin. Ärzte wissen das. Forscher wissen das. Und wer im Marketing arbeitet, weiss es auch, auch wenn es dort anders heisst.

Ich habe den Test auf Messen hunderte Male gemacht. Ich habe die Gesichter gesehen. Die Verblüffung. Das Lachen. Das ungläubige Kopfschütteln. Leute, die ihre Partner holten, ihre Kollegen, ihre Kinder. Schau mal, das musst du probieren.

Keiner von denen hat gelogen. Keiner hat so getan, als ob. Sie haben wirklich etwas gespürt. Und genau das macht die Sache so komplex.

Wenn jemand dir sagt: Ich spüre es, dann kannst du nicht sagen: Nein, tust du nicht. Denn er spürt es ja. Die Empfindung ist da. Sie ist subjektiv, aber sie ist da. Was sich nicht nachweisen liess, war die behauptete Ursache. Die Frequenz. Die Energie. Das Hologramm. Vielleicht liegt die Ursache woanders. Im Kopf der Person, die spürt.

Ich erinnere mich an einen Moment auf einer Veranstaltung. Ein älterer Mann, Typ Handwerker, skeptisch, die Arme verschränkt. Er sagte: Das glaube ich nicht. Ich sagte: Probier es einfach. Er probierte es. Stand danach stabiler. Schaute mich an. Sagte nichts. Kaufte zwei.

Was ist in diesem Moment passiert? Er hat seinen eigenen Körper erlebt. Nicht ein Produkt. Seinen Körper, der auf eine Situation reagiert hat. Auf die Aufmerksamkeit. Auf die Erwartung, die trotz Skepsis da war. Auf das Setting. Auf die Tatsache, dass jemand ihm gesagt hat: Jetzt pass auf.

Und ich stand daneben und nahm sein Geld.

Das ist der Teil, über den ich lange nachgedacht habe. Nicht ob die Leute etwas gespürt haben. Sondern was es bedeutet, dass ich wusste, woher es kam, und es trotzdem verkauft habe.

Ich habe keine Heilung versprochen. Ich habe keine medizinischen Aussagen gemacht. Ich habe den Test gemacht und die Leute spüren lassen. Was sie daraus schlossen, war ihre Sache. So habe ich es mir erklärt. Lange.

Aber die Erklärung wird dünn, wenn man ehrlich hinschaut. Denn natürlich habe ich den Kontext geschaffen. Ich habe die Geschichte erzählt. Ich habe die Erwartung aufgebaut. Ich habe die Bühne gebaut, auf der ihr eigener Körper die Vorstellung gab. Ohne meine Bühne hätten sie nichts gespürt, weil niemand sie gefragt hätte, ob sie etwas spüren.

Was bleibt, ist eine Frage, die grösser ist als Armbänder. Wie viel von dem, was wir spüren, kommt wirklich von aussen? Und wie viel davon erzeugen wir selbst, weil wir es erzeugen wollen?

Die Leute in den Konferenzsälen brauchten kein Armband. Sie brauchten einen Moment, in dem sie sich selbst anders wahrgenommen haben. Stabiler. Stärker. Aufmerksamer. Das Armband war der Anlass. Nicht die Ursache.

Ich habe Anlässe verkauft. Das ist weniger dramatisch als Betrug und komplizierter als Ehrlichkeit. Es ist der Bereich dazwischen, in dem sich ein grosser Teil unserer Wirtschaft abspielt. Produkte, die nicht das tun, was sie versprechen, aber die etwas auslösen, weil wir wollen, dass sie etwas auslösen.

Was die Leute in den Konferenzsälen spürten, war echt. Vielleicht war es ihre eigene Kraft. Ihre eigene Aufmerksamkeit. Ihr eigener Körper, der reagiert hat. Und sie dachten, es käme von aussen.

Das ist nicht dumm. Das ist menschlich.