Spürten sie nur sich selbst?
Egal ob vor Publikum auf Sportveranstaltungen oder in vertrauten Einzelgesprächen. Jeder hat es gespürt. Ok, nicht jeder. Es waren auch welche dabei, die wollten mit aller Willenskraft demonstrieren, dass sie nicht auf den Trick reinfallen. Aber die meisten konnten sich nicht mehr wehren, sobald sie das Armband angelegt haben.
Aber das ist jetzt gar nicht abwertend gemeint. Im Gegenteil. Was sie spürten, war real, denn derjenige, der den Test ausführte, spürte es ja auch. Der Proband war definitiv stabiler mit Band als ohne. Das Gefühl, stärker zu stehen, war real. Bei demjenigen, der drückte und natürlich bei demjenigen der das Gleichgewicht halten musste. Die Überzeugung, dass sich etwas verändert hat, war real. Aber kam es aus dem Produkt? Oder aus ihnen?
Der menschliche Körper ist ein unglaublich sensibler Organismus, der auf Erwartungen reagiert, auf das was man ihm erzählt und wenn der Mensch in einer begeisterten Gruppe steht, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich die Begeisterung auf ihn überträgt. Er sieht, was passiert und es muss ihm niemand sagen, dass er mit dem Armband stärker wird, der Körper reagiert bereits. Die Muskelspannung verändert sich. Die Haltung wird anders. Man steht tatsächlich stabiler. Ob das so ist, weil etwas von aussen einwirkt, das kann niemand sagen.
Das ist dokumentiert und reproduzierbar. Es ist einer der ältesten Mechanismen der Medizin. Der Placeboeffekt. Die Ärzte kennen ihn, die Wissenschaft glaubt ihn zu kennen. Ich habe mir wirklich alle Meinungen und alle Glaubensrichtungen plausibel erklären lassen. Alle haben davon gehört und wer im Marketing arbeitet, weiss, wie man aus Placebo Kapital schlägt.
Ich habe den Test auf allen möglichen Veranstaltungen und Messen mehrere hundert Male durchgeführt. Ich kenne die verblüfften Gesichter genauso wie die Unsicherheit, die mit einem ungläubigen Kopfschütteln weggelächelt wird. Die meisten sind so stoked, dass sie direkt ihre Partner holten oder Kollegen, das Ding ging in einer Zeit viral, als viral im Marketing noch gar nicht angekommen ist. Komm her, schau mal, das musst du auch probieren.
Keiner von denen hat willentlich gelogen oder so getan, als ob. Sie haben wirklich etwas gespürt. Ich habe es gespürt und wir haben es in allen, wirklich allen erdenklichen Varianten probiert. Ich war in den Laboren von Unis und habe mit seriösen Wissenschaftlern das Thema Doppelblind exzessiv durchgetestet und diskutiert. Und genau das machte die Sache so komplex.
Wenn jemand dir sagt: Ich spüre es, dann kannst du nicht sagen: Nein, tust du nicht. Denn er spürt es ja. Die Empfindung ist da. Sie ist sicherlich subjektiv, aber sie ist da. Was sich nicht nachweisen liess, war die behauptete Ursache. Die Frequenz und die Energie auf dem Hologramm. Vielleicht liegt die Ursache woanders. Vielleicht im Kopf der Person, die es spürt. Sicher konnte es mir wirklich niemand sagen, obwohl die meisten sich ihrer Sache wirklich sicher waren. Aber eben sicher in alle Richtungen.
Ich erinnere mich an einen Moment auf einer Veranstaltung. Ein älterer Mann, Typ Handwerker, von Haus aus skeptisch, beide Arme verkrampft ineinander verschränkt. Er sagte in wissenschaftlich ernsthafter Miene: So ein Blödsinn. Ich erwiderte: Probier es einfach selbst aus. Er probierte es demonstrativ widerwillig aber er stand einfach da wie eine eins, nicht umzuhauen. Ohne Armband kippte er sofort zur Seite. Mit Band stand er wieder stabil wie ein Baum. Er sah mich an, sagte nichts und kaufte zwei. Seine Frau hat manchmal so Gleichgewichtsstörungen, die kann das auf alle Fälle gut gebrauchen.
Was passierte in diesen Momenten? Dieser Baum von einem Mann hat seinen eigenen Körper erlebt. Nicht ein Produkt, sondern seinen Körper, der auf eine Situation reagiert hat. War es die Aufmerksamkeit oder die Erwartung, die trotz Skepsis da war? War es die Tatsache, dass jemand ihm gesagt hat: Jetzt pass auf?
Und ich stand stolz lächelnd daneben und nahm sein Geld. Wieder einer.
Das ist der Teil, über den ich später sehr lange nachgedacht habe. Nicht ob die Leute etwas gespürt haben. Sondern was es bedeutet, dass ich keine eindeutige Antwort hatte, woher es kam, und es trotzdem verkauft habe.
Ich habe keine Heilung versprochen. Ich habe keine medizinischen Aussagen gemacht. Ich habe den Test gemacht und die Leute spüren lassen. Was sie daraus schlossen, war ihre Sache. So habe ich es mir erklärt. Lange.
Aber die Erklärung wird immer dünner, je ehrlicher man hinschaut. Denn natürlich habe ich den Kontext geschaffen. Ich habe die Geschichte von den Frequenzen erzählt, die mir der Produktentwickler wirklich glaubhaft gezeigt hat. Jede Tonbandkassette ist ein magnetisches Band, auf dem Frequenzen gespeichert sind, die ein Abspielgerät hörbar macht. Hier ist das Abspielgerät der Mensch, der ja sein eigenes Magnetfeld besitzt und mit diesem Hologramm in Resonanz tritt. Ich belasse es an dieser Stelle mit dieser etwas vereinfachten Erklärung. Ein weiterer Essay zu diesem Thema wird es sicherlich bald geben. Aber das wird komplizierter.
Jedenfalls habe ich die Erwartung aufgebaut. Quasi eine Bühne geschaffen, auf der der eigene Körper die Vorstellung gab. Ohne diese Bühne hätten sie nichts gespürt, weil niemand sie gefragt hätte, ob sie etwas spüren. Eine effektvolle Inszenierung mit einem sehr einfachen Bühnenbild.
Was bleibt nun außer der großen Frage? Die Antwort kann man jedenfalls nicht auf ein Armband beschränken. Sie geht natürlich darüber hinaus. Wie viel von dem, was wir spüren, kommt wirklich von aussen? Und wie viel davon erzeugen wir selbst, weil wir es erzeugen wollen?
Die Menschen auf den Sportveranstaltungen bezogen diesen Moment nur auf das Armband. Sie erlebten einen Moment, in dem sie sich selbst anders wahrnehmen können. In dem sie stabiler und stärker sind. Im Laufe der Zeit war das Armband zwar immer der Anlass aber nicht die Ursache. Das klingt paradox, aber das war mein persönlicher Schutzraum. Schutz davor, mich schlecht zu fühlen. Dass ich etwas erklärte, das ich selbst nicht verstand.
Ich habe also Momente verkauft. Das ist weniger dramatisch als Betrug aber etwas komplexer als Aufrichtigkeit. Es ist irgendein Bereich dazwischen, in dem sich ein grosser Teil des Konsums abspielt und in diesem Fall von der Wissenschaft nicht gekontert werden kann. Wieder ein Produkt, das nicht das tut, was es verspricht, aber etwas auslöst, weil wir wollen, dass es etwas auslöst. Ich weiß es nicht. Ich brauche noch ein paar mehr Essays, um das selbst zu verstehen. Was ich aber sicher weiß ist, dass das, was die Menschen spürten, echt war. Weil ich es auch gespürt habe. Vielleicht war es ihre eigene Kraft oder ihre eigene Aufmerksamkeit. Sicher ist, ihr Körper hat reagiert. Und sie dachten alle, es käme von aussen.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.