Wer bleibt
Wer bleibt, wenn du alles loslässt. Von Herkunft zu Status, deine ganze Geschichte. Wenn nur dein Name bleibt. Aber wer oder was bleibt in dir sonst noch übrig, das noch lebt. Und was bleibt aussen. Wer erwartet was von dir. Oder was willst du, was andere in dir sehen. Wenn du festgestellt hast, dass dein bisheriges Leben eine Aneinanderreihung von wahrgenommenen Gelegenheiten war. Was sich aber passiv anfühlt, weil du den Eindruck nicht verlierst, dass die aktive Gestaltung vielleicht besser gewesen wäre.
Daraus kann dann dieser Moment im Leben entstehen, an dem du die Vergangenheit verlässt und dich aufmachst, dich zu ändern. Neue Horizonte anpeilst und losgehst. Nicht passiv, sondern aktiv. Du kannst diesen Moment auch übersehen und weitermachen wie bisher. Oder die Stimme ist einfach zu leise, um diesen Moment überhaupt zu erkennen. Ein anderer Weg wäre, den Moment aktiv herbeizuführen. Letztendlich spielt es keine Rolle. Zentral sind die Fragen selbst und der Blick darauf. Keine Antwort suchen, sondern in der Frage verweilen. Hört sich abstrakt an, kann aber sehr präsent erlebt werden.
Beim Verfassen dieses Textes war ich in so einem Moment. Tief gefangen in den Fragen. Der Poet David Whyte hat einmal gesagt, man müsse diesen Raum aushalten, um sich zu entwickeln. Intuitiv habe ich etwas anderes getan. Ich habe die Fragen von mir weggeschleudert, ohne Antworten zu suchen. Das klingt nach Flucht, war aber das Gegenteil: Ich spürte direkt, dass Antworten mir nicht weiterhelfen würden. Danke, David. Du hast mich darin bestätigt, dass die Entscheidung richtig war. Lass die Fragen sein, suche keine Antworten. Aber was dann? Schreiben.
Ich habe Tagebuch geführt und die Fragen rausgeschrieben. Sie stehen hier, als Spur dieses Moments. Als Spur der vielen Momente.
Ist jemand da für dich. Hält dich jemand.
Wünschst du dir was. Wünschst du dir Gefühle. Magst du deine Gefühle nicht. Weil sie dir nicht helfen.
Kannst du wen dazu fragen. Jemand, der das kennt, was du nicht kennst. Was du nicht kennengelernt hast. Weil du es nie bewusst angeschaut hast. Was dir nur gezeigt wurde. Und du hast es angenommen.
Sieht dich jemand dabei an.
Will jemand was von dir. Will dir jemand was verkaufen.
Was riechst du. Was fühlst du. Was schmeckst du.
Wer bin ich jetzt. Kann ich das beantworten. Oder kann ich nur darin leben. Ohne Antwort. Ohne Halt. Ohne mich.
Kann ich wählen. Kann ich erfinden. Kann ich atmen.
Habe ich Vergangenheit. Bekomme ich eine Zukunft. Hilft mir die Gegenwart.
Spüre ich Hunger. Spüre ich Verlangen. Nach Liebe. Ist das Liebe.
Bereue ich. Erinnere ich mich.
Kann ich mich ändern.
Will ich die Frage beantworten. Oder laufe ich besser vor ihr weg.
Wie lange kann ich die Frage noch stellen. Wie viel Zeit habe ich noch. Wie lange hält es eine Frage ohne Antwort überhaupt aus.
Hilft mir wer. Hält mich jemand.
Dringt der Sonnenstrahl zu mir durch.
Was kommt danach. Wenn ich nicht mehr fragen kann. Ist dann das Ende. Ist das Ende die Antwort. Ist die Antwort der Anfang. Von was.
Gibt es noch einen Anfang. Oder ist es das Ende gewesen. Kommt hinter dem Ende noch was.
Kann ich die Frage stellen, wenn ich in einem Moment lebe. Oder bin ich dann schon am Ende.
Die Frage stellst du dir allein. Dann bist du allein. Ich lasse dich allein. Ich gebe dir die Frage. Ich stelle sie dir nicht.
Wer warst du bis hierher.
Eine Wahrnehmung von anderen Menschen. Eine Wechselwirkung. Interaktion.
Bist du mehr als das. Bist du mehr als das, was andere über dich denken.
Bist du das, was du zeigen willst. Bist du der, den andere wahrnehmen sollen. Bist du eine Figur, die du selbst erschaffen hast. Eine Figur, die du geschaffen hast, damit du wahrgenommen wirst.
Wie willst du die Frage beantworten. Willst du eine neue Figur erschaffen. Fängst du bereits damit an.
Beantwortet das deine Frage. Wer du bist. Wenn nichts mehr übrig ist.
Kannst du das entscheiden. Kannst du wählen. Kannst du neu erschaffen. Oder fehlt dir die Geschichte. Die Historie. Vom Ursprung bis gestern.
Denn heute bist du nicht mehr.
Wer willst du morgen sein. Gibt es dann ein Morgen. Hast du die Kraft. Oder willst du zurück in das, was du bist.
Dann lösche diese Frage. Es kann sein, du verstehst sie nicht.
Besser lösche sie, wenn du sie nicht tragen kannst.
Nicht jeder muss diese Fragen stellen. Und nicht jeder, der sie stellt, muss sie beantworten. Der Raum dazwischen ist die eigentliche Arbeit. Höre nicht auf das aussen, wenn das innen dir noch nichts gesagt hat. Warte.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.