Mein Traumbüro war eine Lüge

Ich habe drei Häuser gebaut. Beim zweiten plante ich mein Traumbüro. Grosser Schreibtisch, gute Möbel, Blick aus dem Fenster. Alles genau so, wie ich es wollte. Ich setzte mich hin und wartete auf die Ideen.

Sie kamen nicht.

Zwei Jahre lang sass ich in diesem Raum und brachte nichts zustande. Keine Kreativität, keine Produktivität, kein Flow. Nur ein schönes Büro und ein Mensch, der darin nicht funktionierte. Ich verstand es nicht. Der Raum war perfekt. Alles stimmte. Und trotzdem war alles falsch.

Dann wich ich aus. In die Familienküche. In ein Café im Nachbarort. Ein lauter, unruhiger Ort, kleine Tische, Gespräche um mich herum. Ich fand meinen Stammplatz in einer Ecke mit Blick auf die Strasse. Es war laut, nervig, das Gegenteil von dem, was ich mir gewünscht hatte. Und dort konnte ich arbeiten. Dort kamen die Ideen. Dort fand ich Ruhe.

Das ergab keinen Sinn.

Es dauerte Jahre, bis ich verstand, was passiert war. Ich bin jemand, der Stille braucht, aber Menschen um sich haben will. Nicht zum Reden. Zum Dasein. Ich will das Leben beobachten, ohne dass es etwas von mir verlangt. Ich will Bewegung sehen, Gesichter, Strassen, ohne dass jemand mich anspricht. Das ist meine Art. Und ich kannte sie nicht.

Ich hatte mein Traumbüro für einen Menschen gebaut, der ich nicht war. Für eine Vorstellung von mir, die in meinem Kopf existierte, aber nicht in der Realität. Ich dachte: Ich brauche Ruhe, also brauche ich Stille. Ich dachte: Ich brauche Konzentration, also brauche ich Isolation. Beides war falsch. Grundlegend falsch.

Das ist keine Kleinigkeit. Ich hatte das Haus selbst geplant. Ich kannte mich. Ich wusste, was ich will. Und ich lag komplett daneben. Nicht bei der Farbe der Wände oder der Höhe des Schreibtischs. Bei der Grundannahme, was für ein Mensch ich bin und was ich zum Arbeiten brauche.

Wenn ich mich schon nicht kenne, wie soll dann ein Architekt mich kennen?

Das ist die Frage, die mich seitdem beschäftigt. Architekten bauen Räume nach Briefings, Budgets und ihrem eigenen Geschmack. Der Bauherr beschreibt, was er will, und der Architekt setzt es um. Beide arbeiten mit Annahmen. Der Bauherr nimmt an, dass er sich kennt. Der Architekt nimmt an, dass das Briefing stimmt. Und beiden ist nicht bewusst, wie viel Eitelkeit in diesen Annahmen steckt.

Eitelkeit ist das richtige Wort. Ich habe aus Eitelkeit gebaut. Nicht im Sinn von Protz, sondern im Sinn von einem Selbstbild, das nicht der Realität entsprach. Und Architekten bauen aus Eitelkeit. Nicht alle, nicht immer, aber die Versuchung ist strukturell. Der Beruf belohnt das Bild, nicht die Wirkung. Den Entwurf, nicht die Erfahrung des Menschen darin.

Drei Häuser, drei Überraschungen. Mit jedem Bau wurde die Frage lauter: Warum versuchen wir nicht wirklich zu verstehen, für wen wir bauen? Nicht über Fragebögen. Nicht über Annahmen. Sondern über Daten, Forschung, systematisches Verstehen dessen, was ein Mensch in einem Raum braucht, auch wenn er es selbst nicht weiss.

Das hat mich zur Neurowissenschaft geführt. Nicht als Hobby, sondern als Notwendigkeit. Ich beriet US-Unternehmen in chaotischen Märkten und hatte mir ein System gebaut, um aus unstrukturierten Daten Muster zu lesen. Eine Art Ontologie, viel Excel, wenig Eleganz. Dann begann ich, die gleiche Methode auf Räume anzuwenden. Auf die Frage, warum ein Café funktioniert und ein Traumbüro nicht.

Was ich fand, war keine Antwort. Es waren Daten. Berge davon. Kognitive Schemas, affektive Reaktionen, subliminale Wahrnehmung, Umgebungsreize. Alles dokumentiert, nichts zusammengeführt. Die Forschung existierte, aber sie war so fragmentiert wie die Marktdaten, mit denen ich vorher gearbeitet hatte. Jede Studie beantwortete eine Teilfrage. Keine beantwortete meine.

Das ist der Stand. Nicht die Lösung, sondern die Erkenntnis, dass die Frage grösser ist, als jede einzelne Disziplin sie beantworten kann. Neurowissenschaft allein reicht nicht. Architektur allein schon gar nicht. Was fehlt, ist ein System, das beides verbindet. Nicht als Theorie. Als Werkzeug, das einem Architekten hilft, den Menschen zu verstehen, für den er baut. Auch wenn dieser Mensch sich selbst nicht kennt.