Was der Raum mit dir macht

Ich betrete einen Laden und spüre sofort, ob ich willkommen bin oder im Weg stehe. Nicht wegen der Bedienung. Wegen des Raums. Die Deckenhöhe, das Licht, der Abstand zur Theke, die Akustik. Irgendetwas sagt mir in den ersten Sekunden: Bleib. Oder: Kauf und geh.

Dasselbe in Büros, Bibliotheken, Konferenzräumen, Hotels, meinem Schlafzimmer. Jeder Raum macht etwas mit mir. Er unterstützt mich, oder er hemmt mich. Meistens bemerke ich es nicht bewusst. Aber mein Körper reagiert.

Ich hatte lange den Verdacht, dass das nicht Einbildung ist. Dass Räume tatsächlich steuern, wie wir denken, fühlen und handeln. Nicht metaphorisch, sondern messbar.

Der Verdacht stimmt. Es gibt ein ganzes Forschungsfeld dafür. Es heisst Neuroarchitektur.

Zakaria Djebbara hat am Zentrum für Kognitive Neurowissenschaften gezeigt, dass Räume Handlungen neuronal vorbereiten, bevor wir eine bewusste Entscheidung treffen. Das Gehirn liest den Raum und aktiviert Handlungsmuster. Du entscheidest nicht, wie du dich in einem Raum verhältst. Der Raum entscheidet mit.

Ann Sussman hat mit Eye-Tracking nachgewiesen, dass wir Räume unbewusst scannen und innerhalb von Millisekunden auf visuelle Strukturen reagieren. Nicht auf das, was wir sehen wollen. Auf das, was der Raum uns zeigt.

Und dann ist da die Open-Plan-Forschung. Hunderte von Studien, zusammengefasst in systematischen Reviews. Das Ergebnis ist erschreckend einheitlich: Grossraumbüros verschlechtern Konzentration, Gesundheit, Zufriedenheit und Leistung. In einer Studie von Banbury und Berry gaben 99 Prozent der Befragten an, dass Bürolärm ihre Konzentration beeinträchtigt. Nicht 60 Prozent. Neunundneunzig.

Die Ironie: Grossraumbüros werden gebaut, um Zusammenarbeit zu fördern. Aber die Forschung zeigt, dass die wenigen positiven Effekte auf Kommunikation durch die negativen Auswirkungen auf Konzentration und Privatsphäre aufgefressen werden.

Das ist das Muster, das mich beschäftigt. Räume haben Aufgaben. Aber sie sind selten für diese Aufgaben gebaut.

Vier Zonen: Raum passt zur Aufgabe

Ich will arbeiten, kann mich nicht konzentrieren. Nicht weil ich undiszipliniert bin, sondern weil der Raum akustisch offen ist, visuell unruhig, und keine Zone für fokussiertes Arbeiten bietet. Ich will mit Menschen reden, aber die Atmosphäre ist nicht für Kommunikation gemacht. Harte Oberflächen, schlechte Akustik, keine Nischen für vertrauliche Gespräche.

Und dann ist da die Frage nach der Rolle. Jeder trägt im beruflichen Kontext eine Rolle mit sich. Manager, Berater, Experte, Teammitglied. Der Raum bestimmt mit, ob ich diese Rolle halten kann. In einem Konferenzraum mit dem richtigen Licht und der richtigen Proportion fühle ich mich kompetent. In einem fluoreszierend beleuchteten Raum mit niedriger Decke und schlechter Luft fühle ich mich wie ein Bittsteller.

Das ist kein Gefühl. Das ist Physiologie. Deckenhöhe beeinflusst kognitive Verarbeitung. Licht beeinflusst Hormonspiegel. Lärm beeinflusst die Fähigkeit, komplexe Gedanken zu Ende zu denken. Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen einer Bedrohung durch einen aggressiven Menschen und einer Bedrohung durch einen Raum, der zu laut, zu eng oder zu unruhig ist. Stress ist Stress.

Plantronics hat in seinem Büro in Swindon vier Zonen eingeführt: Communication, Collaboration, Concentration, Contemplation. Jede Zone ist für eine bestimmte Tätigkeit gestaltet. Das Ergebnis: Absentismus sank von 12.7 auf 3.5 Prozent. Zufriedenheit stieg von 61 auf 85 Prozent. Nicht durch Motivationsprogramme. Durch Raumgestaltung.

Was mich an der Forschung überrascht hat, ist nicht, dass Räume wirken. Das habe ich immer gespürt. Was mich überrascht hat, ist, wie wenig dieses Wissen angewendet wird. Architekten lernen Statik, Materialkunde, Baurecht. Was ein Raum mit dem Nervensystem des Menschen macht, steht in den meisten Lehrplänen nicht.

Das bedeutet: Die meisten Räume, in denen wir arbeiten, lernen, heilen und leben, sind nicht für uns gebaut. Sie sind für Budgets gebaut, für Grundrisse, für Ästhetik, für Bauvorschriften. Der Mensch, der den Raum benutzt, kommt in der Planung vor. Aber sein Nervensystem nicht.

Ich glaube, dass sich das ändern wird. Die Forschung ist da. Die Evidenz ist da. Was fehlt, ist die Übersetzung in die Praxis. Jemand muss den Architekten, den Bauherren und den Unternehmen erklären, was die Neurowissenschaft über Räume weiss, und was das für ihre Gebäude bedeutet.

Aber bis dahin bleibt die Realität: Du betrittst einen Raum, und der Raum arbeitet für dich oder gegen dich. Die meisten Menschen spüren das. Die wenigsten wissen, warum.