Fotoausstellung Concrete Human: Evidenz sichtbar gemacht
Drei Menschen stehen hinter einem Fenster, zwei Erwachsene und ein Kind mit Locken. Der Raum hinter ihnen ist dunkel, Vorhänge rahmen das Bild. Sie schauen nach draussen, in unterschiedliche Richtungen. Man muss nicht Gedanken lesen können, um die Stimmung der drei zu erkennen. Ist die Szene gestellt? Das bleibt das Geheimnis des Künstlers. Dieses Eröffnungsbild der Ausstellung Concrete Human, die 36 Fotografien und 22 Gedichte beinhaltet, zeigt symbolhaft Menschen in Räumen, die ihnen ganz offensichtlich nicht gut tun. Die Bilder zeigen nichts Spektakuläres, nur das, was wir jeden Tag nicht zu erkennen vermögen.
Es passiert täglich öfter und unbewusster als man es sich selbst zugestehen würde: du betrittst einen Raum und dein Nervensystem hat ihn schon in alle Dimensionen bewertet, bevor dein Blick überhaupt an der Deckenlampe angekommen ist. Licht, Luft, Material und Schall liefern hunderte Inputs, die in Millisekunden verarbeitet werden. Das Ergebnis ist ein Zustand und nicht eine Meinung über die Qualität eines Raumes. Entweder dein Körper entspannt sich oder er fährt hoch. Jeder kennt das.
Die Wissenschaft dazu existiert seit Jahrzehnten. Büroangestellte mit Fenster schlafen 46 Minuten länger als solche ohne (Boubekri et al., 2014, Journal of Clinical Sleep Medicine), in Wohnanlagen mit Vegetation sinken Gewaltdelikte um 52 Prozent (Kuo & Sullivan, 2001, Environment and Behavior). Rund 100.000 Europäer starben 2012 an Luftverschmutzung in Innenräumen (WHO Europe, 2012). Wenn die Daten vorliegen, aber die Bauindustrie wie bisher weiter baut, hakt es entweder an der Zugänglichkeit oder am Bewusstsein. Ein Kostenfaktor ist es nicht, das habe ich in anderen Essays schon aufgearbeitet. Meines Erachtens fehlt es an einem Medium oder an Beratungsansätzen, die die Forschung zugänglich machen und ins Bewusstsein tragen.
Was wir an diesem Punkt sehen, ist, dass die Berichte nicht ausreichen. Die Daten aus den Studien sind abstrakt und für Architekten schwer vorstellbar und umsetzbar. Man kann eine Studie lesen und verstehen, aber wenn nichts weiter passiert und niemand damit konfrontiert wird, dann wird sich daraus auch nichts weiterentwickeln. Also war unsere Idee: Diese Thematik muss auf einer ganz anderen Ebene visualisiert werden. Deshalb haben wir eine fotografische Ausstellung initiiert.
Über ein privates Immobilienprojekt lernte ich einen sehr fähigen und vor allem empathischen Architekten kennen. Durch ihn entwickelte sich eine Idee, die mit der Zeit immer weitreichender wurde. Aus den Gesprächen wurde ein Treffen mit dem norwegischen Fotografen André Clemetsen auf einer Architekturkonferenz in Oslo. André ist ein angesagter Portraitfotograf und war von der Idee begeistert, Menschen in schlecht gestalteten urbanen Räumen zu fotografieren und das sichtbar zu machen, was in und um Gebäuden mit Menschen passiert. Zunächst ging es nicht um Wissenschaft, sondern um reine Beobachtung. Das Projekt war geboren.
Daraus wurden 36 Fotografien und 22 Gedichte, die wir in einer anschaulichen Online-Ausstellung veröffentlichten.
Wir waren alle extrem neugierig, wie man grossformatige Fotografie, also Bilder, die eigentlich an einer Wand hängen müssen, online so ausstellt, dass sie wirken. Das Ergebnis kann sich durchaus sehen lassen und unterscheidet sich wesentlich von herkömmlicher Darstellung von Fotografie auf Websites. Die Ausstellung hat 22 Räume im Fullscreen-Cinema-Modus, am Anfang steht ein Breathing-Overlay mit der Einladung, sich bequem hinzusetzen, langsam zu atmen und die Bilder kommen zu lassen. Die Bilder kommen zum Betrachter, nicht umgekehrt. Es gibt kein Scrollen, kein Klicken, kein Museum-Interface. Ich hatte so etwas noch nie umgesetzt und es hat wirklich grossen Spass gemacht.
Fotografie, die Menschen in Räumen oder im Kontext bebauter Umgebung zeigt, ist natürlich nie neutral. Was André macht, ist künstlerisch absichtsvoll: Er fängt Stimmung ein und inszeniert sie. Dorothea Lange hat das in den 1930ern mit der Armut gemacht. Von ihr bin ich ein grosser Fan: In einer Zeit, in der Digitalfotografie und Bildbearbeitung noch nicht existierten, zeigte sie, was wirklich ist, und noch viel mehr. Sie zeigt, was andere übersehen, und deswegen sind die Bilder so herausragend und emotional.
Mich selbst hat das Thema über einen anderen Weg gefunden. Ich habe Häuser gebaut, Büros eingerichtet und dabei alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Wie ein Experiment, bei dem ich herausfinden wollte, was passiert, wenn man überschwängliche Konsumfreude mit innenarchitektonischem Laientum vermischt: teure Möbel kaufen und ungekonnt assemblieren und hinterher auch noch stolz sein. Ich scheiterte und mangelnde Atmosphäre präsentierte mir die Rechnung. Es ist überall dasselbe: Du gehst in einen Raum und willst dort sein, du gehst in einen anderen und hast nur einen Gedanken: raus hier. Irgendwann habe ich angefangen, das zu verstehen. Nicht als Architekt, sondern als jemand, der darin lebt und ausreichend Geld in Einrichtung verschwendet hat.
Parallel dazu beschäftige ich mich seit Jahrzehnten mit Bewusstsein, zum Beispiel mit Sri Aurobindos “Das Abenteuer des Bewusstseins”. Bewusstsein passiert innen. Ein stabiler innerer Zustand macht die Aussenwelt weniger wichtig, aber der Zustand ist nicht unangreifbar. Ein Raum kann ihn stärken oder schwächen, kann mit dir arbeiten oder gegen dich. Meistens merkst du nicht, was gerade passiert. Es dauert, bis das Bewusstsein die richtigen Worte findet.
Als Berater löse ich in Projekten eher die konzeptionellen und strategischen Aufgaben. Als die KI erwachsen wurde, lernte ich, mittels Datenanalyse und Algorithmus-Exzess Wissenschaft datenbasiert auszuwerten. Seitdem beschäftige ich mich mit den Brücken zwischen den harten Fakten der Forschung und dem, was der Mensch fühlen soll, ob er bedrückt, betroffen, begeistert oder motiviert ist. Die Hauptaufgabe ist, die richtigen Daten für die entsprechende Aufgabe zu finden und dann die richtigen Schlüsse zu ziehen.
Über das Projekt lernte ich Daiana Zamler kennen, Architektin und promovierte Forscherin für die Wirkung gebauter Räume, und Ola Elvestuen, den früheren norwegischen Umweltminister. Es sind verschiedene Leute mit demselben Unbehagen: Wir wissen, was Räume mit Menschen machen und bauen trotzdem so, als wüssten wir es nicht.
90 Prozent unseres Lebens verbringen wir in Gebäuden. Die Bauindustrie denkt in Quadratmetern und Rendite. Der Mensch wird darin zu einer Nutzungsannahme degradiert. Concrete Human soll das über eine visuelle Konfrontation zum Ausdruck bringen. Eine meiner Hoffnungen ist, dass jemand vor einem dieser Bilder steht, den Druck spürt, den dieser Raum auf den Menschen darin ausübt und anfängt, die eigenen vier Wände anders zu sehen.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.