Concrete Human
Ich habe Häuser gebaut, Firmen gegründet, Büros eingerichtet. Ich habe dabei alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Teure Möbel gekauft, weil ich dachte, das sei die Lösung. Es war nie die Lösung. Die Atmosphäre machts. Du gehst in einen Raum und fühlst dich wohl, du willst dort sein, du bleibst. Du gehst in einen anderen Raum und hast nur einen Gedanken: raus hier. Das hat nichts mit dem Schreibtisch zu tun.
Diese Erfahrung hat mich nicht losgelassen. Nicht als theoretische Frage, sondern als praktisches Problem. Ich hatte Geld ausgegeben, Zeit investiert, Räume geplant, und das Ergebnis war, dass ich in meinem eigenen Büro nicht arbeiten konnte. Das Café im Nachbarort hat besser funktioniert. Warum?
Die Suche nach der Antwort hat mich in die Neurowissenschaft geführt. Nicht als Akademiker, sondern als jemand, der verstehen will, warum Räume mit dir machen, was sie machen. Ich hatte beruflich mit Psychologie und Neurowissenschaft zu tun, und parallel dazu seit Jahrzehnten eine Beschäftigung mit Bewusstsein. Sri Aurobindo, “Das Abenteuer des Bewusstseins”. Die zentrale Einsicht: Bewusstsein passiert innen. Ein stabiler innerer Zustand macht die Aussenwelt weniger wichtig. Aber der Zustand ist nicht unangreifbar. Ein Raum kann ihn stärken oder schwächen. Ein Raum kann mit dir arbeiten oder gegen dich. Und meistens merkst du nicht, was gerade passiert.
Die Wissenschaft dazu existiert seit Jahrzehnten. Büroangestellte mit Fenster schlafen 46 Minuten länger als solche ohne. In Wohnanlagen mit Vegetation sinken Gewaltdelikte um 52 Prozent. Rund 100.000 Europäer starben 2012 an Luftverschmutzung in Innenräumen. Jeder Raum aktiviert dein autonomes Nervensystem, bevor du bewusst wahrnimmst, wie hoch die Decke ist. Die Daten sind da. Die Bauindustrie ignoriert sie.
Das ist der Punkt, an dem Berichte versagen. Du kannst eine Studie lesen und sie zur Kenntnis nehmen. Du kannst eine Statistik lesen und nicken. Aber du fühlst nichts dabei. Ein Bericht informiert. Er konfrontiert nicht.
Über ein Hausprojekt lernte ich einen Architekten kennen. Durch ihn entwickelte sich eine Idee, die grösser wurde als der ursprüngliche Anlass. Er traf den norwegischen Fotografen André Clemetsen auf einer Architekturkonferenz in Oslo. André hatte eine Idee: Menschen in schlecht gestalteten urbanen Räumen fotografieren. Sichtbar machen, was Gebäude mit Menschen machen. Nicht dekorieren, sondern konfrontieren. Wir sagten: Das machen wir.
Daraus wurde Concrete Human. Eine internationale Wanderausstellung. 36 Fotografien, 22 Gedichte. Die erste Station ist Oslo, Mai 2026.
Fotografie, die Räume zeigt, ist nie neutral. Was André macht, ist künstlerisch absichtsvoll. Er fängt Stimmung ein, er inszeniert sie. Dorothea Lange hat das in den 1930ern mit der Armut gemacht. Walker Evans auch. Grosse Fotografie zeigt nicht, was ist. Sie zeigt, was du sonst übersehen würdest. Das Bild zwingt dich, hinzuschauen.
Meine Rolle im Projekt ist Konzept und Strategie, und die Übersetzung der Wissenschaft. Das bedeutet: Ich baue die Brücke zwischen dem, was die Forschung weiss, und dem, was Besucher fühlen sollen. Vier Dinge sollen sie fühlen, in dieser Reihenfolge. Bedrückt. Betroffen. Begeistert. Motiviert. Erst das Gewicht, dann die Möglichkeit.
90 Prozent unseres Lebens verbringen wir in Gebäuden. Die Architektur dieser Gebäude ist nicht neutral. Sie heilt oder sie schadet. Das ist keine Meinung. Das ist messbar. Und es wird trotzdem ignoriert, weil die Bauindustrie in Quadratmetern denkt, in Kosten pro Quadratmeter, in Rendite pro Quadratmeter. Der Mensch darin ist eine Nutzungsannahme in einer Excel-Tabelle.
Über das Projekt lernten wir Daiana Zamler kennen, die an ihrer Doktorarbeit in Architekturpsychologie arbeitet, und Ola Elvestuen, den früheren norwegischen Klimaminister. Verschiedene Hintergründe. Dasselbe Unbehagen. Dass wir wissen, was Räume mit Menschen machen, und trotzdem so bauen, als wüssten wir es nicht.
Concrete Human ist kein Forschungsprojekt und kein Politikpapier. Es ist eine visuelle Konfrontation. Fotografien, die du nicht übersehen kannst. Gedichte, die bleiben, nachdem du die Ausstellung verlassen hast. Die Hoffnung ist, dass jemand vor einem dieser Bilder steht, den Druck spürt, den dieser Raum auf den Menschen darin ausübt, und anfängt, die eigenen vier Wände anders zu sehen.
Das ist bescheiden genug. Und ambitioniert genug.
Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, warum mich dieses Thema so beschäftigt. Es ist nicht die Architektur. Es ist die Tatsache, dass wir in Räumen leben, die jemand für uns entschieden hat, ohne uns zu fragen, wie sie auf uns wirken. Und dass die Wissenschaft, die diese Frage beantworten könnte, in Fachzeitschriften liegt, die niemand liest.
Übersetzen, was Forschung weiss, in etwas, das Menschen fühlen. Das ist es, was ich in diesem Projekt tue. Nicht mehr und nicht weniger.