Doch wer weiß, ob dieses Versprechen ewig zu halten ist

Ich kann es nicht mehr hören: KI soll den Menschen ergänzen, aber auf keinen Fall ersetzen. Ich habe das mittlerweile zu oft gelesen oder gehört. Augmentation, nicht Substitution. Und der Mensch bleibt im Zentrum. Alles wird gut.

Wie lange wird dieses Versprechen zu halten sein?

Diese Frage schärft die große Zukunftsfrage: Mensch oder Software, wer bleibt?

Jeder lügt sich diese Augmentation zurecht und ignoriert Substitution. Hält wirklich jeder seinen Job für sicher oder tut er nur so, als gäbe es die Bedrohung gar nicht? Und wer entscheidet das eigentlich?

In der Beratung nennt man das einen Qualifier: Man sagt etwas Starkes und relativiert es im selben Atemzug, unscheinbar genug, dass die Kernbotschaft steht. Versicherungen und Pharmakonzerne gaukeln uns auf diese Weise seit Jahrzehnten so einiges vor.

Ich habe kein Problem damit, dass jemand unsicher ist, denn niemand weiß, wohin das alles führt. Doch die Aussage kippt ins Unehrliche, wenn im Hauptsatz verkauft und im Nebensatz alles abgesichert wird. In zwei Jahren zu sagen, wir haben es ja angedeutet, macht im Nachhinein nichts mehr legitim.

Was mich mehr interessiert, ist das, was in der Lücke zwischen Hauptsatz und Nebensatz passiert. In dieser Lücke sitzen die Manager und Entwickler im gleichen Boot. Sie verwenden nur den Hauptsatz. KI hilft uns allen und wird niemanden ersetzen. Kein Grund zur Sorge also. Aber der Nebensatz bleibt trotzdem als Beigeschmack haften. Im Hintergrund, als leises Unbehagen, das nie adressiert wird, weil es nie laut genug ausgesprochen wurde. Die Absicherung steht.

Die Alternative wäre eine offene Analyse gewesen. Eine, die sagt: Wir wissen nicht, ob das so passiert. Hier sind die Indikatoren, die dafür sprechen und hier sind die, die dagegen sprechen. So lässt sich alles neutral bewerten. So arbeite ich in meiner Beratung. Was stattdessen passiert, ist Beruhigung mit stets offener Hintertür.

Ich habe selbst Produkte verkauft, die ich nicht vollständig verstanden habe. Ein Armband mit einem Hologramm darin war so eins. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn du etwas sagst, das fast stimmt, und hoffst, dass niemand die Unsicherheit bemerkt. Ich hatte nie eine böse Absicht. Aber stets Angst ehrlich zu sein. Oder ehrlich sein zu müssen. Die Option, offen zu sagen: ich weiß es nicht, habe ich ignoriert, weil Ehrlichkeit Kunden kostet. Was ich allerdings auch lernte, war, dass die Kunden, die bleiben, auch die sind, denen du die Wahrheit gesagt hast.

Augmentation bedeutet, du behältst deinen Job, du bekommst nur ein besseres Werkzeug. Das hört natürlich jeder gerne. Substitution dagegen ist das Wort, das niemand sagen will, denn es bedeutet: Vielleicht nicht.

Zwischen diesen beiden Wörtern liegt nicht nur eine semantische Differenz. Da liegt die berufliche Existenz von Millionen von Menschen. Und die wird in einem Halbsatz abgehandelt, der wie eine Fußnote klingt.

Wer weiß, ob dieses Versprechen ewig zu halten ist, wäre der ehrlichste Satz in der ganzen Debatte. Er muss der Hauptsatz werden.

Wie meine Texte entstehen, steht hier.