Transparenz fordern, nicht praktizieren
In jeder zweiten Keynote über Content-Ethik fällt ein Satz, der so vernünftig klingt, dass man fast nicht hinsieht. Unternehmen sollten klar kommunizieren, wie ihre Inhalte generiert wurden. Transparenz. Ehrlichkeit gegenüber dem Kunden. Vertrauensaufbau. Alles richtig.
Dann schaut man sich die Absender an. Die Beratungsfirmen, die Agenturen, die Thought-Leader. Und sucht nach einem Hinweis. Auf der Website. Im Whitepaper. Im Newsletter. Irgendwo müsste stehen, wie ihre eigenen Inhalte entstanden sind. Welche Teile mit KI generiert wurden. Welche Passagen überarbeitet, welche komplett menschlich geschrieben. Es steht nichts da.
Manche deuten an, dass KI für ihre Arbeit nicht immer die gewünschte Qualität liefert. Aber was heisst das genau? Wird KI für Recherche genutzt? Für Entwürfe? Für Formulierungen, die dann überarbeitet werden? Für die Strukturierung? Für Zusammenfassungen von Studien? Nichts davon wird offengelegt. Von Leuten, die von anderen Transparenz verlangen.
Die Forderung, transparent zu sein, ist einfach. Sie kostet nichts, solange sie andere betrifft. Im Moment, wo sie dich selbst betrifft, wird es kompliziert. Plötzlich gibt es Nuancen. Plötzlich ist es nicht mehr schwarz und weiss. Plötzlich ist es ein Spektrum, und wo genau man die Linie zieht, ist eine Diskussion, die man lieber verschiebt.
Ich kenne das aus Unternehmen. Die, die am lautesten Transparenz fordern, sind oft die, die am wenigsten darüber reden, wie sie selbst arbeiten. Es ist ein Spiel. Du forderst einen Standard, den du als Experte für diesen Standard durchsetzt. Und weil du der Experte bist, nimmt dir niemand die Rolle ab, obwohl du selbst nicht lieferst.
Die Branche empfiehlt sogar konkrete Formulierungen. Kennzeichnungen wie “erstellt mit Unterstützung von KI” oder “dieser Inhalt wurde teilweise automatisiert generiert”. Praxisnah. Umsetzbar. Für andere.
Wie viele Beratungsfirmen kennzeichnen ihre eigenen Inhalte so? Ich weiss es nicht. Und genau das ist der Punkt. Ich weiss es nicht, weil sie es nicht sagen. Und sie sagen es nicht, obwohl sie regelmässig erklären, warum man es sagen sollte.
Das ist nicht Heuchelei im bösen Sinne. Ich glaube nicht, dass diese Leute bewusst lügen. Es ist etwas Subtileres. Es ist die blinde Stelle, die entsteht, wenn du Regeln für andere machst und dich selbst nicht als betroffen siehst. Du bist der Berater. Du stehst neben dem System. Du analysierst es, du beschreibst es, du empfiehlst. Aber du bist nicht Teil davon. Oder glaubst es zumindest.
Die Realität ist, dass heute jeder Artikel, jedes Whitepaper, jeder Text unter dem Verdacht steht, ganz oder teilweise maschinell erzeugt zu sein. Das gilt für Blogposts, für Nachrichten, für akademische Arbeiten. Es gilt auch für die Texte der KI-Berater selbst. Gerade für die. Wer über KI schreibt und nicht offenlegt, welche Rolle KI im Schreibprozess gespielt hat, verpasst nicht nur die Gelegenheit, den eigenen Rat zu befolgen. Er untergräbt ihn.
Transparenz ist kein Feature, das du anderen empfiehlst. Es ist eine Haltung, die bei dir anfängt. Und wenn sie bei dir nicht anfängt, ist die Empfehlung nicht mehr als eine Übung in Ironie.
Auf den Websites stehen die Namen der Experten. In ihren Vorträgen steht die Forderung nach Klarheit über die Herkunft von Inhalten. Zwischen diesen beiden Stellen liegt ein Schweigen, das mehr sagt als jeder Ethik-Abschnitt.