Authentizität durch Wollpullover bei Regen

Die KI-Influencerin Lea inszenierte eine Welt, die sowohl idealisiert als auch nah an der Realität war. So beschrieben es ihre Erbauer. Der Satz hat mich eine Weile beschäftigt. Nicht weil er falsch ist. Sondern weil er nicht bemerkt, was er sagt.

Lea trug Wollpullover, wenn es regnete. Sie sass in Cafés, die nach echten Cafés aussahen. Ihre Wohnung war aufgeräumt, aber nicht perfekt. Sie sah aus wie jemand, den du kennen könntest. Die Erbauer nennen das Authentizität.

Authentizität bedeutet, dass etwas echt ist. Dass es eine Übereinstimmung gibt zwischen dem, was jemand zeigt, und dem, was jemand ist. Der Wollpullover bei Regen soll diese Übereinstimmung simulieren. Er soll sagen: Schau, sie ist wie du. Sie friert auch.

Lea friert nicht. Lea ist eine Bilddatei. Sie hat keine Körpertemperatur. Sie hat kein Kältegefühl. Sie hat keinen Schrank, in dem der Wollpullover hängt. Der Pullover ist ein Datenpunkt in einer Strategie, die darauf abzielt, Nähe zu erzeugen.

Das Wort Authentizität hat in den letzten zehn Jahren eine seltsame Karriere gemacht. Es wurde vom Gegenteil von Inszenierung zum Werkzeug der Inszenierung. Auf Instagram ist Authentizität eine Ästhetik. Es gibt Filter dafür. Presets, die Bilder so aussehen lassen, als wären sie nicht bearbeitet. Natürlichkeit als Stil. Echtheit als Design-Entscheidung.

Lea ist die konsequente Fortsetzung davon. Wenn Authentizität eine Ästhetik ist, dann kann eine KI sie besser ausführen als ein Mensch. Weil die KI nie vergisst, authentisch zu sein. Weil sie nie aus der Rolle fällt. Weil sie keine Momente hat, in denen sie echt ist auf eine Weise, die nicht zur Marke passt.

Leas Design-Entscheidungen waren präzise kalkuliert. Welche Kleidung sie trägt. In welchen Settings sie auftritt. Wie ihr Lächeln kalibriert ist. Nah genug an der Realität, um Vertrauen zu erzeugen. Weit genug von der Realität, um aspirational zu bleiben. Der Korridor dazwischen ist eng. Ein Algorithmus navigiert ihn besser als ein Mensch.

Ich denke an die Menschen, die Lea folgen. Einige wissen, dass sie eine KI ist. Andere vielleicht nicht. Aber selbst diejenigen, die es wissen, reagieren auf den Wollpullover. Sie reagieren auf das Vertraute. Auf das Gefühl: Die ist wie ich. Und dieses Gefühl ist nicht weniger real, nur weil sein Auslöser generiert ist.

Das ist der schwierige Teil. Die Emotion ist echt. Der Auslöser nicht. Und die Frage, ob das in Ordnung ist, lässt sich nicht einfach beantworten.

Was mich an dieser Geschichte stört, ist nicht dass Lea existiert. Es ist, wie sie präsentiert wird. Mit Stolz. Mit Begeisterung über die Finesse der Täuschung. Schau, wie authentisch sie wirkt. Der Wollpullover war eine brillante Entscheidung. Die Erbauer bewundern die Handwerkskunst. Sie fragen nicht, was sie anrichten.

Authentizität durch Wollpullover bei Regen. Es klingt harmlos. Es ist ein Detail. Aber in diesem Detail steckt eine Verschiebung, die grösser ist als Lea.

Wenn Authentizität nicht mehr bedeutet, dass etwas echt ist, sondern dass etwas echt wirkt, dann haben wir das Wort verloren. Und mit dem Wort die Fähigkeit, den Unterschied zu benennen. Wenn alles authentisch wirkt, wie sagst du dann noch, dass etwas tatsächlich echt ist?

Der Wollpullover bei Regen. Ein Mensch zieht ihn an, weil ihm kalt ist. Lea trägt ihn, weil jemand entschieden hat, dass Kälte Nähe erzeugt.

Der Unterschied ist unsichtbar. Das ist das Problem.