Das Ende der Entscheidung

Es gibt einen Bogen, der auf den ersten Blick logisch klingt. Descriptive Analytics: Was ist passiert. Predictive Analytics: Was wird passieren. Prescriptive Analytics: Was sollen wir tun. Jede Stufe eine Verbesserung. Jede Stufe ein Fortschritt. Die letzte Stufe ist das Ziel.

Die meisten behandeln diesen Bogen als technische Weiterentwicklung. Ich habe lange darüber nachgedacht. Weil die letzte Stufe kein technisches Upgrade ist. Sie ist ein Kategorienwechsel. Und fast niemand behandelt sie als solchen.

Von der Information zur Anweisung

Descriptive und Predictive Analytics liefern Informationen. Du bekommst eine Analyse. Du bekommst eine Prognose. Und dann entscheidest du. Die Entscheidung liegt bei dir. Du kannst die Daten nehmen, sie gegen deine Erfahrung halten, mit deinem Team sprechen und zu einem Schluss kommen, der möglicherweise anders ist als das, was die Zahlen nahelegen. Das ist unternehmerisches Urteil. Es ist der Kern dessen, was Führung bedeutet.

Prescriptive Analytics macht etwas anderes. Sie entscheidet. Nicht formell. Formell steht immer noch ein Mensch da, der auf den Knopf drückt. Aber die Empfehlung kommt aus einem Modell, das mehr Variablen berücksichtigt als ein Mensch je könnte. Das schneller rechnet. Das keine Emotionen hat, keine Politik, kein Ego. Und wenn die Empfehlung der Maschine in 93 Prozent der Fälle besser ist als die des Menschen, was bedeutet dann der Knopf?

Er wird zur Formalität. Zum Stempel. Der Mensch unterschreibt, was die Maschine empfiehlt. Nicht weil er gezwungen wird. Sondern weil Widerspruch irrational wäre. Wer würde seine Karriere riskieren, um gegen die Empfehlung eines Algorithmus zu entscheiden, der nachweislich bessere Ergebnisse liefert?

Niemand. Und genau da verschwindet die Entscheidung.

Nicht mit einem Knall. Nicht durch eine Übernahme. Sondern durch die leise Logik besserer Zahlen. Entscheidung setzt voraus, dass du auch anders entscheiden könntest. Dass es eine echte Alternative gibt. Wenn die Alternative heißt, schlechter zu entscheiden als die Maschine, ist es keine Alternative mehr. Es ist Verweigerung. Und Verweigerung ist keine Entscheidung.

Prescriptive Analytics, so heisst es, helfe Unternehmen, schneller und besser zu entscheiden. Das ist eine Beschreibung, die den eigentlichen Punkt verdeckt. Es hilft nicht beim Entscheiden. Es ersetzt das Entscheiden. Es verlagert die Autorität von der Person zum Modell, ohne es so zu nennen.

Ich habe mit einem CFO gesprochen, der mir das offen gesagt hat. Er bekommt jeden Morgen eine Empfehlung von einem Optimierungssystem. Preisstrategie, Sortiment, Personalplanung. Er hat vor Monaten aufgehört, die Empfehlungen zu hinterfragen, weil sie jedes Mal richtig waren. Nicht ungefähr richtig. Genau richtig. Er sagte: Ich unterschreibe nur noch.

Und dann sagte er etwas, das mich nicht mehr losgelassen hat: Ich weiß nicht mehr, ob ich meinen Job noch mache oder ob ich nur noch anwesend bin.

Das ist kein Fortschritt. Das ist eine Identitätskrise, verpackt als Optimierung.

Die Frage, die niemand stellt: Was passiert mit Menschen, deren Aufgabe die Entscheidung war, wenn die Entscheidung besser von einer Maschine getroffen wird? Nicht mit den Menschen, die Schrauben drehen oder Tabellen ausfüllen. Sondern mit denen, deren Beruf das Urteil ist. Manager, Strategen, Führungskräfte. Wenn die Maschine besser urteilt, was bleibt von der Führung?

Die Standardantwort lautet: Der Mensch behält die letzte Instanz. Er kann immer noch Nein sagen. Aber ein Nein, das keinen rationalen Grund hat, ist kein Urteil. Es ist Sturheit. Und Sturheit wird nicht belohnt. Nicht in einer Kultur, die Optimierung über alles stellt.

Von Descriptive zu Prescriptive Analytics. Von der Information zur Anweisung. Von der Entscheidung zur Bestätigung. Der Bogen, der als Fortschritt verkauft wird, ist eine Verschiebung von menschlicher Autorität zu maschineller Logik. Er ist nicht reversibel. Und er wird nicht diskutiert. Er wird empfohlen.