Ich habe aufgehört zu fragen
Am Anfang habe ich gefragt. Ständig. Wirkt das wirklich? Kann man das belegen? Was, wenn die Kunden recht haben und die Wissenschaft falsch liegt? Und wenn die Wissenschaft recht hat, was verkaufe ich dann eigentlich?
Gute Fragen. Unangenehme Fragen. Aber sie waren da.
Dann fing der Umsatz an. Und mit dem Umsatz kamen die Bestätigungen. Kunden, die sich bedankten. Sportler, die sagten, sie hätten noch nie so gut performt. Normale Leute, die mir erzählten, ihre Rückenschmerzen seien besser geworden. Tausende. Nicht vereinzelt, tausende.
Und ich stand dazwischen. Der Wissenschaftler sagt Nein. Der Kunde sagt Ja. Und ich verdiene.
In dieser Position stellt man am Anfang noch Fragen. Man wägt ab. Man denkt nach. Aber irgendwann verschieben sich die Gewichte. Nicht auf einmal. Nicht bewusst. Es passiert so langsam, dass man es nicht bemerkt.
Die Frage “Wirkt das?” wird zu “Die Leute sagen, es wirkt.” Und dann wird sie zu “Es funktioniert offensichtlich.” Und dann ist sie weg. Ersetzt durch keine Frage mehr. Nur noch durch Handeln.
Ich kann den Moment nicht benennen. Das ist das Tückische. Es gibt keinen Tag, an dem ich beschlossen habe, nicht mehr hinzuschauen. Es gab nur viele Tage, an denen das Hinschauen etwas weniger wurde. Etwas leiser. Etwas seltener. Bis es still war.
Selbsttäuschung funktioniert nicht wie ein Lichtschalter. Sie funktioniert wie ein Sonnenuntergang. Es wird dunkler, aber du merkst es nicht, weil du die ganze Zeit da bist. Erst wenn es Nacht ist, fällt dir auf, dass du nichts mehr siehst.
Ich war ehrlich zu mir selbst und unehrlich zugleich. Ich sah, dass es den Leuten half. Sie fühlten sich besser. Sie glaubten. Sie wollten glauben. Was ich ignorierte: die Möglichkeit, dass die Wirkung aus dem Kopf kam, nicht aus dem Silikon. Ich habe den Widerspruch gespürt. Aber die Kasse war zu gut.
Und die Kasse hat ihre eigene Logik. Wenn jeden Monat die Zahlen stimmen, wenn die Nachbestellungen kommen, wenn neue Märkte aufgehen, dann hat das eine Überzeugungskraft, die stärker ist als jede wissenschaftliche Studie. Nicht weil du dumm bist. Sondern weil der Markt dir jeden Tag sagt: Du machst das richtig. Und wer bekommt schon jeden Tag so ein Feedback?
Ich rede hier nicht von krimineller Energie. Ich rede von dem, was in jeder Branche passiert, in der Geld den Takt vorgibt. Du machst einen Job. Der Job zahlt sich aus. Du beginnst, die Fragen wegzulassen, die den Job gefährden könnten. Nicht weil du ein schlechter Mensch bist. Sondern weil du ein Mensch bist.
Das ist keine Entschuldigung. Es ist eine Beobachtung.
Ich sehe dasselbe Muster überall. In Unternehmen, die wissen, dass ihr Produkt nicht hält, was es verspricht, aber die Quartalszahlen stimmen. In Beziehungen, in denen beide wissen, dass etwas nicht stimmt, aber keiner fragt, weil die Antwort zu teuer wäre. In der Politik, wo alle sehen, dass eine Erzählung nicht stimmt, aber mitmachen, weil Widerspruch Konsequenzen hat.
Das Muster ist immer gleich. Zuerst fragst du. Dann fragst du seltener. Dann hörst du auf. Und dann verteidigst du das Ergebnis gegen jeden, der noch fragt.
Der letzte Schritt ist der gefährlichste. Weil du ab dann nicht nur dich selbst täuschst, sondern aktiv dafür sorgst, dass andere es auch tun. Du wirst zum Verteidiger einer Position, die du nie bewusst eingenommen hast. Du bist einfach reingerutscht.
Heute werde ich unruhig, wenn ich eine Zeitlang keine unbequemen Fragen mehr gestellt habe. Wenn alles glatt läuft. Wenn niemand widerspricht. Wenn die Zahlen stimmen und alle nicken. Genau das war die Vorstufe damals. Genau so hat es angefangen.
Selbsttäuschung beginnt nicht mit einer Lüge. Sie beginnt mit einer Frage, die du nicht mehr stellst. Mit einem Gedanken, den du nicht zu Ende denkst. Mit einem Widerspruch, den du nicht aussprichst.
Ich habe aufgehört zu fragen. Und genau das war die Täuschung.