Dein Körper weiss es vor dir

Wenn man in den Alpen lebt, dann ist Wandern kein Vorhaben, das man fürs Wochenende plant, sondern es gehört zum Alltag. Man geht los auf die Abendrunde, taucht ab und es passiert etwas mit einem. Es ist unspektakulär, aber es ist ein Gefühl, das man immer wieder sucht. Der Körper bewegt sich, die Natur beruhigt die Sinne und irgendwann denkt man nicht mehr viel nach. Bei mir ist das genauso, wie bei den meisten auch. Ich gehe durch den Wald und schaue in die Berge, nehme die Eindrücke auf, das Bachrauschen, den Wind und geniesse den Zustand, der dann ganz plötzlich da ist. Irgendwann schalte ich komplett ab und das berichten viele Wanderer, wenn sie gehen.

Wenn ich tagsüber gehe, peile ich meistens eine Hütte an. Ein kleines Getränk und der Schnack mit dem Hüttenwirt. Da ich aber meist unterschiedliche Routen gehe, wird es an der Stelle spannend. Ich betrete gerne eine neue Hütte. Die Speisekarte kann noch so gut aussehen, aber wenn die Atmosphäre nicht stimmt, bin ich schnell wieder raus.

Dieser Raum ist so das Risiko auf einer Wanderung. Er funktioniert oder stösst dich ab. Das was die Natur eigentlich nie macht, aber Räume eben schon. Der Geruch, der Lärm, die Kälte, der Fliesenboden statt Holz, das Neonlicht. Aus der Küche stinkt das Fett und all das gestaltet eine Raumatmosphäre, die man sich nicht aussuchen kann. Eigentlich will man nichts ausser diese idyllische Gemütlichkeit geniessen, aber die Realität ist oft Kühle und das wirkt schnell abstossend.

Wenn die Natürlichkeit von aussen im Raum weiterläuft, fühlt es sich ganz anders an. Bei Holz, warmem Licht und offener Feuerstelle ist der Zustand ein anderer. Der Übergang von draussen nach drinnen ist harmonisch. Aber ein kühler Raum mit harten Kontrasten, modernen Materialien, schwarzweisser Designsprache kippt den Zustand sofort.

Ich lebe aktuell direkt an den grossen Skigebieten in Tirol und ein Wandel wird immer deutlicher. Wo früher Nostalgie war, stehen jetzt zentrale Handy-Ladestationen und modernes Mobiliar, umgeben von viel Sichtbeton. Sie bringen die Modernität aus der Stadt in die Berge. Wir alle fühlen uns anscheinend am wohlsten, wenn alles funktioniert und das Handy geladen ist. Effizienz ist deshalb die sichtbar wichtigere Vorgabe, wenn im Alpenraum gebaut wird. Zumindest für den Tourismus. Erst war es die Massenabfertigung mit der triefenden Currywurst und Pommes bis zum Tellerrand auf dem Tablett, jetzt kommt modernes Design, offene Räume, viel Licht und immer noch mehr Effizienz dazu. Verlangsamung, Verweilen, Musse, der eigentliche Grund für einen Ausflug in die Berge, das alles tritt in den Hintergrund.

Ich frage mich, ob das nur meine Empfindlichkeit ist oder ob es auch hier seitens der Wissenschaft Hinweise gibt, die belegen, was ich spüre.

Vier bis sieben Minuten

Roger Ulrich hat 1991 ein Experiment gemacht, das bis heute zu den meistzitierten in der Umweltpsychologie gehört (Ulrich et al., 1991, Journal of Environmental Psychology). Darin sehen 120 Versuchspersonen einen Stressfilm über Arbeitsunfälle. Danach sehen sie entweder ein Naturvideo oder ein Stadtvideo. Gemessen wurden folgende Reaktionen des Körpers: Herzfrequenz, Blutdruck, Hautleitfähigkeit und Muskelspannung im Gesicht.

Die Hautleitfähigkeit reagierte am schnellsten. Schon in den ersten drei Minuten war der Unterschied signifikant. Nach vier bis sieben Minuten hatten sich alle vier Indikatoren getrennt. Die Naturgruppe erholte sich schneller und vollständiger. Die Herzfrequenz verlangsamte sich auf das niedrigste Niveau seit dem Stressfilm. Bei den Stadtvideos beschleunigte sie sich.

Das Bemerkenswerte war nicht nur die Geschwindigkeit. Die Natur brachte die Probanden nicht einfach auf ihr Ausgangsniveau zurück. Sie brachte sie darüber hinaus. Die Stimmung nach dem Naturvideo war positiver als vor dem Stressfilm.

Wald oder Wasser, viel oder wenig Verkehr

Ulrich hat zwei verschiedene Naturvideos gezeigt. Eines mit Wald, eines mit Wasser. Kein signifikanter Unterschied war erkennbar. Das bedeutet, dass nicht die Intensität entscheidend ist, sondern die Kategorie. Ob Natur oder nicht. Der Körper macht keinen Unterschied zwischen Wald und See. Aber er unterscheidet sofort zwischen Natur und Stadt.

Ein Zustand wie Meditation

Ulrich hat eine Vermutung geäussert, die er nicht beweisen konnte aber die mir bei den nächsten Wanderungen nicht aus dem Kopf ging. Er schrieb von einem parasympathisch dominierten Zustand, von “wach-entspannter Aufmerksamkeit”. Das klingt nach einem Zustand wie Meditation mit offenen Augen. Wach, aber tief entspannt.

Nachdem ich mich damit beschäftigte, erlebte ich diesen Zustand bewusster. Nach Stunden in der Natur bin ich wach und gleichzeitig so ruhig, dass jede Störung sofort auffällt. Ulrich hat das 1991 gemessen. Ich habe es bestimmt hunderte Mal am eigenen Leib erlebt.

36 Korrelationen hat er gefunden zwischen positiven Gefühlen und den Körpermesswerten. Alle in der erwarteten Richtung. Je besser die Stimmung, desto langsamer das Herz, desto niedriger der Blutdruck, desto weniger Hautleitfähigkeit. Der Körper und die Stimmung sprechen also die gleiche Sprache.

Was passiert wenn du einen Raum betrittst

Zwölf Jahre nach Ulrich hat Terry Hartig das Experiment ins Feld verlegt (Hartig et al., 2003, Journal of Environmental Psychology). Diesmal spazierten von 112 Probanden der eine Teil durch ein Naturreservat und der andere durch eine Stadt. Vorher und nachher sass jede Gruppe in einem Raum. Die Naturgruppe in einem Raum mit Blick auf Bäume und die Stadtgruppe in einem fensterlosen Raum.

Schon in den zehn Minuten Sitzen passierte folgendes: Der diastolische Blutdruck sank signifikant bei denen mit Baumblick. Bei denen ohne Fenster nicht. Dann der Spaziergang. Nach 30 Minuten lag der systolische Blutdruck der Naturgruppe etwa 6 mmHg unter dem der Stadtgruppe. Das entspricht dem Effekt leichter Blutdruckmedikation.

Aber dann passierte etwas Unerwartetes. Als die Probanden umkehrten und zurück zum Labor gingen, näherten sich die Werte wieder an. Der Körper reagierte auch auf die Richtung, nicht nur auf die Umgebung. Zurückgehen bedeutete: der Naturaufenthalt endet. Der Körper hat das direkt registriert.

Zwei getrennte Prozesse

Hartig hat noch etwas gefunden, das wenig bekannt ist. Die Aufmerksamkeit und der Blutdruck entwickelten sich in beiden Umgebungen unterschiedlich. Aber sie korrelierten nicht miteinander.

Das bedeutet: Natur beruhigt den Körper und schärft die Aufmerksamkeit, aber über zwei verschiedene Wege. In der Natur wurde die Aufmerksamkeit auch nicht viel besser. Die Natur bot einfach nur Regeneration vom Stadtleben.

Wenn ich nach einem langen Wandertag eine Hütte betrete, sind beide Systeme aktiv. Mein Körper ist tief entspannt. Meine Aufmerksamkeit ist geschärft. Ich nehme mehr wahr. Den kalten Boden, das falsche Licht, den Geruch. In der Stadt würde ich das ignorieren, weil meine Aufmerksamkeit schon erschöpft wäre.

Die Wissenschaft hat dafür keinen direkten Beleg. Aber Koivisto hat 2022 gezeigt (Koivisto & Grassini, 2022, Journal of Environmental Psychology), dass Kindheitserfahrung mit Natur die Reaktion auf Städte moderiert. Menschen die in der Natur aufgewachsen sind, finden Städte unangenehmer. Die Empfindlichkeit steigt, sie stumpft nicht ab. Ich fühle mich darin bestätigt, dass es gut ist, täglich rauszugehen.

Wut in der Stadt, Ruhe in der Natur

Doch die Dimension geht noch viel weiter und liefert vielleicht Antworten auf moderne gesellschaftliche Phänomene. Die Wut ist ein sehr aktuelles Thema. In Hartigs Studie sank die Wut in der Natur und stieg in der Stadt. Die Autoren haben das hervorgehoben, weil Wut klinisch relevant ist. Sie hängt mit Herzkrankheiten zusammen und mit Gewalt. Eine Stadt, die Wut erzeugt, produziert Krankheit und Konflikt. In einem Naturraum baut sich Wut ab.

Die Autofahrt zum Testort war selbst schon ein Stressor. 40 Minuten Fahrt erhöhten den systolischen Blutdruck um fast 8 mmHg. Das war nicht Teil des Experiments. Es war die Anfahrt. Und die ist im Alltag bei vielen nicht wegzudenken.

Die Daten sprechen eine deutliche Sprache

Ulrichs Paper von 1991 hat über 3.000 Zitierungen. Hartigs Studie gehört zu den meistzitierten Feldstudien der Umweltpsychologie. Die Daten sind weder neu noch umstritten.

Aber Hütten in Wander- und Skigebieten werden nun mal mit Fliesenböden gebaut. Effizienz ersetzt Gemütlichkeit und Wissenschaft überall: Kinder spielen in fensterlosen Kindergärten, Mitarbeiter in klimatisierten Grossraumbüros und Krankenhauspatienten liegen in Krankenhäusern oft ohne den wichtigen Blick auf Bäume.

Eltern sollten sich daher fragen, in welchen Räumen ihre Kinder spielen, wenn sie nicht draußen sein können. Mitarbeiter sollten sich damit auseinandersetzen, warum sie nach acht Stunden im Büro erschöpfter sind als nach acht Stunden in der Natur. Unternehmer sollten genau nachrechnen, was Produktivitätsverlust durch schlechte Räume kostet, und Investoren in diese Räume sollten rechnen, wie viele Krankheitstage durch bessere Gebäude vermeidbar wären.

Der Körper weiss es vier bis sieben Minuten, bevor du es bewusst wahrnimmst. Die Daten liegen also recht präzise vor. Sie müssen aber auch gelesen und angewendet werden.

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