Aufhören zu kämpfen

Chile. Juli. So weit weg, wie es geht. Die Landschaft ist nackt, der Wind trägt nichts Künstliches, und niemand erwartet etwas von mir. Ich bin nicht hier, um zu funktionieren. Zum ersten Mal seit langer Zeit ist das kein Versagen, sondern eine Entscheidung.

Ich habe Jahre damit verbracht, gegen mich selbst zu kämpfen. Gegen den Widerstand. Gegen den Rückzug. Gegen den Körper, der sich wehrt, obwohl ich weiss, was ihm gut tun würde. Ich habe mich dafür verurteilt. Ich habe versucht, mich zu reparieren. Mehr Disziplin, mehr Struktur, mehr Willenskraft. Das Programm, das die meisten kennen.

Es hat nicht funktioniert. Nicht weil ich zu schwach war. Sondern weil die Prämisse falsch war.

Die Prämisse lautet: Du bist nicht gut genug, wie du bist. Du musst besser werden. Fitter, produktiver, sozialer, disziplinierter. Und wenn du das nicht schaffst, ist etwas mit dir falsch. Diese Idee wird überall verkauft. In Büchern, Podcasts, Coaching-Programmen, Fitnessstudios, auf LinkedIn. Selbstoptimierung als Lebensaufgabe. Der Mensch als Projekt.

Was dabei niemand sagt: Selbstoptimierung kann eine Form von Gewalt gegen sich selbst sein. Nicht die laute Art. Die leise. Die, bei der du dich jeden Abend fragst, warum du schon wieder nicht das getan hast, was du dir vorgenommen hast. Bei der du den eigenen Widerstand als Defekt behandelst statt als Information.

Der Körper, der sich wehrt, ist nicht defekt. Er reagiert. Auf Jahre des Funktionierens in einem System, das nie gefragt hat, ob es passt. Der Rückzug von Menschen ist kein Versagen. Er ist ein Schutzreflex von jemandem, der zu oft verfügbar war. Das Nicht-Schreiben ist keine Blockade. Es ist die Weigerung, schon wieder etwas zu liefern.

Das sind keine Probleme, die man löst. Das sind Antworten, die man hört. Wenn man bereit ist, zuzuhören.

In Chile habe ich aufgehört zu kämpfen. Nicht weil ich aufgegeben habe. Sondern weil ich verstanden habe, dass es nie ein echter Kampf war. Es war ein Missverständnis. Ich habe gedacht, ich muss jemand sein, der ich nicht bin. Die produktive, fitte, soziale, disziplinierte Version von mir, die funktioniert. Diese Version existiert. Aber sie ist nicht die einzige. Und sie ist nicht die wahre.

Der Unterschied zwischen Aufgeben und Loslassen ist der wichtigste Unterschied, den ich kenne. Aufgeben heisst: Ich schaffe es nicht. Loslassen heisst: Ich muss es nicht schaffen. Nicht weil es egal ist. Sondern weil das, wogegen ich kämpfe, gar kein Feind ist. Es ist ein Teil von mir, der gehört werden will.

Die Landschaft in Chile hat dabei geholfen. Nicht weil sie therapeutisch ist. Sondern weil sie leer ist. Kein Narrativ, keine Erwartung, keine Aufforderung. Nur Raum. Und in diesem Raum war Platz für die Version von mir, die still ist. Die ehrlich ist. Die nicht performen will. Die einfach da ist.

Das klingt nach einem Schlusspunkt. Ist es nicht. Es ist ein Anfang. Leise. Ohne Programm. Ohne die Garantie, dass es funktioniert. Aber mit der Klarheit, dass der alte Weg es definitiv nicht tut.