Wir wollen es immer noch
Manchmal scrolle ich durch Feeds und sehe Werbung für ein Supplement, das die Konzentration verbessern soll. Ich habe selbst mal Nahrungsergänzung entwickelt. Oder ein Coaching-Programm, das in sechs Wochen alles verändert. Auch das habe ich mitgemacht. Mehrfach. Oder über einen Bio-Hack, der den Schlaf optimiert. Auch das habe ich hinter mir. Ich kannte das alles.
Nicht das Produkt, sondern den Mechanismus dahinter.
Ein Versprechen, das einfach klingt. Eine schnelle Lösung, die man einfach so kaufen kann. Und dazu immer jemand, der es benutzt hat, es mit 5 Sternen bewertet und damit bestätigt: Es funktioniert. Eine Geschichte, die zu gut ist. Warum also nachprüfen oder hinterfragen?
Ich habe genau das verkauft. Ein Power Balance Silikonarmband mit einem Hologramm, das die Balance verbessern sollte. Ob die Wirkung Placebo war, habe ich lange nicht gefragt. Ich wusste es auch gar nicht. Die Nachfrage jedenfalls war real. Millionen Menschen wollten es. Nicht weil sie dumm waren, sondern weil sie etwas brauchten und weil das Versprechen genau den richtigen Nerv traf: mehr Kraft und bessere Balance. Der Markenname allein sagte es bereits klipp und klar. Deutlich genug, um Hoffnung zu machen, subtil genug, um glaubwürdig zu sein.
Dieser Mechanismus ist nicht verschwunden. Er hat sich digitalisiert.
Heute sehe ich ihn in Supplements, die mit Wirkungen werben, die niemand wirklich nachprüft. In Coaching-Angeboten, die Transformation versprechen, ohne zu sagen, was das eigentlich heisst. Oder in Bio-Hacking-Gadgets, die Daten liefern, die sich wichtig anfühlen, aber rein gar nichts verändern. Man kann das endlos weiterspinnen bis hin zu politischen Narrativen, die komplexe Probleme auf einen personifizierten Feind reduzieren, weil das einfacher ist als die Wahrheit und davon abzulenken versucht.
Das alles wirkt meist plump und durchschaubar inszeniert, aber der Kern ist immer derselbe. Jemand hat ein Problem und ein anderer hat die Lösung. Die wiederum klingt einfach. Aber zwischen dem Problem und der Lösung klafft eine Lücke, die mit dem guten Glauben gefüllt wird. Keine Beweise. Sondern Glauben.
Placebo ist kein Schimpfwort. Es ist ein wissenschaftlich dokumentierter Effekt. Der Glaube an eine Wirkung erzeugt eine Wirkung. Das ist keine Lüge, sondern normale Biologie. Das Problem beginnt da, wo jemand diesen Effekt zu seinem Vorteil benutzt und dann so tut, als käme die Wirkung aus dem Produkt und nicht aus dem Kopf des Käufers.
Ich habe das selbst getan. Und ich habe dadurch die Grenze kennengelernt und den Moment übersehen, oder besser: überschritten. Das war nicht mal ein besonders dramatischer Moment. Aber ab diesem Zeitpunkt habe ich gesehen, dass beim Stellen der Frage auch eine Antwort kommt und ich habe es mir angewöhnt, die Frage zu übergehen. Denn es gab keine Antwort. Zumindest keine, die das Phänomen erklären könnte.
Was mich heute beschäftigt, ist nicht die Vergangenheit, sondern das Jetzt. Ich beobachte Menschen dabei, die für Nahrungsergänzungsmittel viel Geld ausgeben, weil ein Typ mit Sixpack in einem Podcast gesagt hat, es sei lebensverändernd. Ich habe auch selbst viel Geld für Supplements ausgegeben. Und ich habe als Verkäufer gelernt, mit Gefühlen zu arbeiten, weil Fakten viel schwieriger zu verkaufen sind.
Die Muster sind also immer gleich. Lediglich das Medium hat gewechselt. Statt Messen und Zeitungen sind es heute Podcasts und Social Media. Statt Sportlern mit Armband am Handgelenk sind es Influencer mit Sponsoren-Links in der Bio. Aber der Hunger ist derselbe. Der Hunger nach etwas, das hilft, das einen besser macht, und das vor allem einfach ist, wo man sich nicht anstrengen muss, sondern einfach kaufen kann, ohne groß darüber nachdenken zu müssen.
Und ich verstehe diesen Hunger. Denn wie gesagt, bei mir ist es ganz gleich. Wenn ich müde bin, greife ich zum Kaffee. Wenn die Welt zu kompliziert wird, ziehe ich auch die einfache Erklärung vor, weil das Komplizierte dazu auch noch Angst macht. Dagegen ist niemand immun.
Ich habe es selbst praktiziert, ich kenne es von innen, habe in den Meetings gesessen, in denen über die nuancierten Formulierungen diskutiert wurde, wo eine Wirkung noch so deutlich suggeriert wird, dass der Kunde direkt kauft, aber das Heilmittelwerbegesetz noch nicht auf Rot schaltet. Es ging nie darum, ob etwas wahr ist, sondern wie man es sagen muss, damit es wahr wirkt. Und wenn man zur Überwindung der Restunsicherheit noch einen Schubser braucht, dann hat man einen Influencer oder ein Testimonial vorgeschoben.
Wie gesagt, die Frage war nie, ob es stimmt. Die Wahrheit wurde durch die Frage ersetzt, ob genügend Menschen es glauben, damit die anderen folgen. Das funktionierte früher genauso wie heute. Die Testimonials heißen heute Influencer und die Kanäle nennt man “Social”.
Ich erzähle das nicht, um zu warnen. Denn Warnungen bringen nichts, wenn der Hunger groß genug ist. Ich erzähle es, weil ich es von innen gut genug kenne und weil ich es einfach sagen muss. Nicht um es in Zukunft zu verhindern, sondern um bewusster zu entscheiden, wann man mitmacht. Und vor allem, wo die nächste Grenze liegt, die ich nicht mehr übertreten möchte.
Wir wollen glauben. Das ist menschlich. Das war schon immer menschlich, auch als ich Armbänder mit dem Hologramm darin verkauft habe. Das ist menschlich, wenn heute jemand ein Supplement bestellt. Die Frage ist nicht, ob wir glauben. Die Frage ist, was wir mit dem Glauben machen, ob wir ihn prüfen, ob wir ihn hinterfragen, oder ob wir einfach auf “Kaufen” klicken und hoffen, dass es diesmal stimmt.
Ich habe keine Lösung dafür. Ich habe nur die Erfahrung, dass es immer wieder funktioniert. Bei mir, bei anderen, überall.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.