Die Zukunft widerspricht der Gegenwart

Die KI-Debatte hat zwei Hälften. Niemand sagt das. Die Leute, die sie führen, würden es wahrscheinlich bestreiten. Aber wenn du die Argumente nebeneinander legst, erzählen sie zwei verschiedene Geschichten.

Die erste Geschichte ist eine der Partnerschaft. Mensch und Maschine, Seite an Seite. Die KI unterstützt. Sie nimmt Routinearbeit ab. Sie liefert Daten, die der Mensch interpretiert. Sie schlägt vor, der Mensch entscheidet. Das ist das beruhigende Bild. Das Bild, das in jeder Keynote gezeigt wird. Das Bild, das Konferenzen füllt.

Die zweite Geschichte klingt anders. Hier fängt die KI an, eigenständig zu handeln. Sie steuert Kampagnen. Sie verhandelt mit Kunden. Sie trifft Entscheidungen. Der Mensch gibt “Impulse”. Er “kuratiert”. Er “verfeinert”. Die Verben verraten, was sich verschoben hat. In der ersten Geschichte handelt der Mensch. In der zweiten reagiert er.

Der Übergang passiert ohne Ankündigung. Kein Vortrag, der sagt: Ab hier ändert sich etwas. Kein Satz, der den Wechsel markiert. Stattdessen ein langsames Gleiten von “KI assistiert” zu “KI übernimmt”. So langsam, dass du es nicht merkst, wenn du nicht darauf achtest.

Ich glaube, die meisten haben es selbst nicht gemerkt. Nicht weil sie nachlässig sind. Sondern weil der Übergang die Realität spiegelt. In der Praxis verläuft die KI-Implementierung genauso. Erst das Pilotprojekt: Kleine Aufgaben, klare Grenzen, menschliche Kontrolle. Dann die Skalierung: Mehr Aufgaben, weniger Grenzen, weniger Kontrolle. Dann die Normalisierung: Die Maschine macht es, niemand fragt mehr, warum.

Dieses Muster ist nicht neu. Es passiert bei jeder Technologie, die sich durchsetzt. Die erste Stufe ist immer das Versprechen der Kontrolle. Du behältst das Steuer. Die Maschine ist nur ein Werkzeug. Die zweite Stufe ist die schleichende Übergabe. Die Maschine macht es besser, schneller, billiger. Warum solltest du es noch selbst machen? Die dritte Stufe ist die Akzeptanz. So ist es halt. So läuft es jetzt.

Was mich an der Debatte stört, ist nicht, dass sie diese Entwicklung beschreibt. Was mich stört, ist, dass sie sie beschreibt, ohne sie zu bemerken. Am Anfang steht die Zusicherung, dass der Mensch im Zentrum bleibt. Am Ende steht die Beschreibung einer Welt, in der er es nicht mehr tut. Beides wird von denselben Leuten erzählt, ohne dass der Widerspruch thematisiert wird.

Es gibt einen Grund dafür. Die Debatte will beides gleichzeitig sein. Sie will beruhigen und begeistern. Sie will sagen: Alles bleibt, wie es ist, und gleichzeitig: Alles wird anders. Sie will den Manager ansprechen, der Angst hat, seine Leute zu verlieren, und den Manager, der davon träumt, seine Kosten zu senken. Sie will den Mitarbeiter mitnehmen und den Vorstand überzeugen. Und weil sie beides will, sagt sie beides. Ohne zu bemerken, dass beides nicht zusammengeht.

Der Anfang ist das Beruhigungsmittel. Das Ende ist die Wahrheit. Oder umgekehrt. Je nachdem, welche Version du bevorzugst.

Ich bevorzuge die Version, die konsistent ist. Die sagt: Entweder bleibt der Mensch im Zentrum, und dann müssen wir erklären, warum und wie. Oder er tut es nicht, und dann müssen wir sagen, was das bedeutet. Eine Diskussion, die beides behauptet und nichts davon zu Ende denkt, hilft niemandem. Sie bestätigt die, die hören wollen, dass alles gut wird. Und sie bestätigt die, die hören wollen, dass alles anders wird. Und sie lässt die, die eine ehrliche Antwort suchen, mit zwei Geschichten zurück, die nicht zueinander passen.

Der Bruch ist da. Man muss nur die Verben zählen.