Ein wertvolles Teammitglied
KI wird gern als wertvolles Teammitglied beschrieben. Es wird nie müde. Es ist immer verfügbar. Es beschwert sich nicht. Es braucht keinen Urlaub, keine Gehaltserhöhung, kein Feedback. Es liefert. Auf Knopfdruck. Zu jeder Uhrzeit. In jeder Menge.
Das ist bemerkenswert. Nicht wegen dem, was über KI gesagt wird. Sondern wegen dem, was über uns gesagt wird.
Das ideale Teammitglied ist eines ohne Bedürfnisse. Kein Schlaf, kein Widerspruch, keine Erschöpfung, kein eigener Wille. Verfügbar, leistungsfähig, still. Das ist nicht die Beschreibung eines Partners. Es ist die Beschreibung eines Knechts.
Und niemand scheint zu bemerken, was das über unsere Vorstellung von Teamarbeit aussagt.
Wenn du ein Teammitglied beschreibst und die erste Eigenschaft ist “wird nie müde”, dann ist dein Problem nicht Technologie. Dann ist dein Problem, dass du von Menschen erwartest, nie müde zu sein. Die KI wird nicht zum Ideal, weil sie so gut ist. Sie wird zum Ideal, weil Menschen den Standard nicht erfüllen, den wir stillschweigend gesetzt haben.
Ich habe in Teams gearbeitet, in denen die besten Momente nicht aus Effizienz kamen. Sie kamen aus Reibung. Aus jemandem, der sagte: Das ergibt keinen Sinn. Aus einer Pause, die nicht geplant war. Aus einem Einwand, der den ganzen Plan über den Haufen geworfen hat. Das waren keine Fehler. Das war der Wert des Teams. Nicht das Liefern, sondern das Korrigieren.
Ein Werkzeug, das nie widerspricht, liefert nicht bessere Ergebnisse. Es liefert bestätigte Ergebnisse. Der Unterschied ist der zwischen einem Spiegel und einem Gegenüber. Ein Spiegel zeigt dir, was du sehen willst. Ein Gegenüber zeigt dir, was du nicht siehst.
Die Metapher geht noch weiter. KI als Kollege, als Assistent, als Sparringspartner. Die Sprache wird immer menschlicher. Aber die Erwartungen bleiben maschinell. Kein Sparringspartner, der dich umwirft. Kein Assistent, der sagt: Ich bin nicht sicher. Ein Kollege ohne Meinung. Ein Partner ohne Widerstand.
Was mich stört, ist nicht die KI. Was mich stört, ist das Bild vom Menschen, das dahinter liegt.
In jeder Firma, die ich beraten habe, gab es dieselbe unausgesprochene Sehnsucht: Mitarbeiter, die funktionieren. Kein Ärger, kein Widerstand, keine Ausfälle. Die ideale Maschine in Menschenform. KI verspricht das jetzt wörtlich. Und plötzlich wird sichtbar, was immer schon da war.
Der Satz “KI ist ein wertvolles Teammitglied” sagt mehr über die Firma als über die KI. Er sagt: Wir wollen Output. Nicht Auseinandersetzung. Nicht Reibung. Nicht den unbequemen Kollegen, der Recht hat. Wir wollen jemanden, der liefert, ohne zu fragen.
Das funktioniert für Routineaufgaben. Für alles, was standardisiert und wiederholbar ist. Für alles andere ist es ein Verlust, den man nicht sofort sieht, weil er sich anfühlt wie Gewinn. Weniger Reibung. Weniger Diskussion. Weniger Widerstand. Das fühlt sich produktiv an. Bis die Entscheidungen flacher werden und niemand weiß, warum.
Ein wertvolles Teammitglied widerspricht dir, wenn du dich irrst. Es ist müde, wenn es zu viel gearbeitet hat. Es hat eine eigene Perspektive, die du nicht bestellt hast. Das ist kein Bug. Das ist der Wert.
Die Frage, die nie gestellt wird: Was verlieren wir, wenn wir bekommen, was wir uns immer gewünscht haben?