Was verschwindet, wenn alles auf Knopfdruck entsteht
Ein Freund von mir hat Tontechnik studiert. Dann hat er dreissig Jahre lang Mikrofone platziert und auf filigranste weisse Frequenzen in Räumen vermessen. Mit der Zeit konnte er einen Raum betreten und ihn hören, bevor der erste Ton erklang. Hören also nicht berechnend, sondern tief und instinktiv fühlend.
Heute macht er das nicht mehr. Heute übernimmt die Software, die das rein faktisch genauso gut hinbekommt. Das Ergebnis ist aus technischer Sicht “perfekt” und man kann sogar glauben, dass das stimmt.
Das alles wird als Fortschritt verkauft, und technisch ist es das auch. KI produziert heute Filme ohne Set, ohne Kamerateam, ohne Schauspieler. Sie generiert Bilder, Stimmen und Musik in einer Qualität, für die noch vor wenigen Jahren ein ganzes Studio nötig gewesen wäre. Demokratisierung nennt man das. Jeder kann jetzt Inhalte erstellen, die Barrieren fallen.
Und ja, die Barrieren fallen. Nur fallen mit ihnen auch Berufsbilder, stille Fertigkeiten, ganze Charakterzüge und Ökosysteme menschlicher Zusammenarbeit, die vorher so selbstverständlich waren, dass sie niemand je in Frage gestellt hätte.
Ein Filmset ist nicht nur der Ort, an dem ein Produkt entsteht. Es ist auch ein Ort, an dem Menschen mit sehr unterschiedlichen Fähigkeiten aufeinandertreffen. Der Kameramann sieht etwas, das der Regisseur übersehen hat. Die Maskenbildnerin versteht die Figur anders als der Autor, weil sie im Spiegel steht, wenn die Figur zum ersten Mal sichtbar wird. Der Tontechniker hört den Raum, während die anderen ihn noch einrichten. Jeder bringt eine Wahrnehmung mit, die die anderen nicht haben, und das Ergebnis ist deshalb nie nur die Summe dessen, was einer geplant hat. Es ist etwas, das allein keiner hätte machen können, weil der Weg dorthin durch die Köpfe und Hände der anderen führen musste.
Wenn ein Mensch am Laptop diesen ganzen Prozess ersetzt, entsteht natürlich trotzdem etwas. Nur entsteht es anders, aus einer einzigen Perspektive, verstärkt durch eine Maschine, die sehr gut darin ist, Erwartungen zu erfüllen. Der Output sieht professionell aus, klingt richtig und funktioniert. Aber ihm fehlt die Reibung, der Moment, in dem jemand aus einer anderen Ecke des Studios sagt: Das stimmt nicht, lass uns das nochmal machen.
Handwerk ist eine bestimmte Art von Wissen, und es sitzt nicht nur im Kopf. Es sitzt in den Händen, im Gehör, im Auge, und es braucht Jahre, bis es da ist. In Worte fassen lässt es sich kaum. Ein Tischler spürt am Holz, ob es arbeiten wird, bevor er die Platte überhaupt schneidet. Ein Musiker hört nach zwei Tönen, ob der Raum den Klang trägt oder schluckt. Ein Fotograf sieht ein Licht, das in zwei Minuten weg sein wird, und weiss, dass er jetzt auslösen muss oder gar nicht.
Dieses Wissen entsteht durch Wiederholung, durch Fehler und durch tausend Stunden, in denen überhaupt nichts Besonderes passiert. Es ist das Gegenteil von Effizienz, und es erzeugt etwas, das optimierte Outputs nicht erzeugen: Eigenart.
Die KI-Diskussion dreht sich fast nur um Skalierung. Mehr Inhalte, schneller, billiger. Das ist ein ökonomisches Argument und in sich korrekt. Was es auslässt, ist das, was in dieser Rechnung mitverschwindet. Und das sind nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch eine bestimmte Art von Wissen, die an diese Arbeitsplätze gebunden war und sich nicht in eine Datei exportieren lässt.
Wenn niemand mehr einen Raum hört, geht dieses Hören verloren, nicht als Fähigkeit einer einzelnen Person, sondern als Fähigkeit einer Kultur. Es gibt dann niemanden mehr, der den Unterschied überhaupt bemerken könnte. Und was niemand mehr bemerkt, existiert nach einer Weile auch nicht mehr.
Das Eigentümliche an diesem Verlust ist, dass er unsichtbar ist. Man merkt nicht, was fehlt, wenn man nie gewusst hat, dass es da war. Man hört einen KI-generierten Soundtrack und er klingt gut. Man sieht ein generiertes Bild und es wirkt professionell. Man hat schlicht keinen Vergleich mehr, weil die Menschen, die den Vergleich herstellen konnten, inzwischen etwas anderes machen.
Mein Freund macht heute Consulting. Er berät Firmen zu Akustik, es läuft gut, und er verdient vermutlich sogar mehr als früher. Trotzdem sagt er, dass ihm etwas fehlt, und zwar nicht das Geld, sondern die Arbeit mit den Händen. Der Moment, in dem er einen Raum betrat, hinhörte und wusste, wo das Mikrofon stehen muss. Dieses Wissen braucht heute, so ehrlich muss man sein, niemand mehr.
Was verschwindet, wenn alles auf Knopfdruck entsteht, sind nicht die Inhalte. Davon gibt es mehr als je zuvor. Was verschwindet, ist die Art, wie sie entstanden sind, und damit eine Form menschlichen Wissens, die sich in keiner Datenbank speichern und auch in keinem Trainingsset abbilden lässt.
Wie meine Texte entstehen, steht hier.