Was bleibt, wenn alles automatisiert ist?

Die Liste dessen, was KI übernehmen kann, wird immer länger. Termine planen. E-Mails beantworten. Berichte erstellen. Meetings zusammenfassen. Kundensupport. Leadgenerierung. Projektmanagement. Onboarding.

Ich habe die Liste gelesen und dann nochmal gelesen. Und dann habe ich versucht, mir eine Stellenbeschreibung vorzustellen, die nicht darauf vorkommt.

Es ist mir nicht gelungen.

Was bleibt nach der Automatisierung?

Die Liste ist nicht vollständig, aber sie ist exemplarisch. Sie bildet nicht einzelne Aufgaben ab, sondern Kategorien. Kommunikation. Koordination. Dokumentation. Analyse. Zusammenfassung. Betreuung. Wenn du diese Kategorien streichst, was bleibt? Niemand beantwortet diese Frage. Niemand stellt sie. Es wird aufgelistet und weitergegangen.

Ich habe fünfundzwanzig Jahre in Organisationen verbracht. In verschiedenen Rollen, in verschiedenen Branchen. Und wenn ich ehrlich bin, bestand ein grosser Teil meiner Arbeit aus genau diesen Aufgaben. Meetings vorbereiten, Ergebnisse zusammenfassen, E-Mails schreiben, Berichte erstellen, Leute koordinieren. Nicht alles davon war sinnlos. Manches davon war der Kern meiner Arbeit. Die Zusammenfassung eines Meetings ist nicht Verwaltung, wenn das Meeting die Entscheidung war. Die E-Mail ist nicht Routine, wenn sie den Konflikt klärt.

Die Diskussion macht keinen Unterschied zwischen dem Was und dem Wie. Sie sieht: E-Mails beantworten. Und sie sagt: Das kann die KI. Aber eine E-Mail an einen verunsicherten Kunden, in der du in drei Sätzen das Richtige sagst, weil du verstehst, was er eigentlich fragt, ist etwas anderes als eine E-Mail mit Terminvorschlag. Es ist dieselbe Tätigkeit. Es ist nicht dieselbe Aufgabe.

Die Automatisierung sieht Kategorien. Menschen sehen Situationen. Die Kategorie “Kundensupport” enthält tausend verschiedene Momente, von denen neunhundert tatsächlich automatisierbar sind und hundert nicht. Aber diese hundert sind die, an die sich der Kunde erinnert. Die, in denen er das Gefühl hatte, gehört zu werden. Die, die aus einer Reklamation eine Beziehung gemacht haben.

Was bleibt, wenn die Liste abgearbeitet ist? Die Standardantwort lautet: Strategie. Kreativität. Führung. Das sind die Wörter, die immer kommen, wenn jemand erklären muss, warum Menschen trotzdem gebraucht werden. Aber Strategie entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie entsteht in den Meetings, die zusammengefasst werden. In den E-Mails, die beantwortet werden. Im Kontakt mit den Kunden, die betreut werden. Wenn du all das wegnimmst, bleibt keine Strategie übrig. Es bleibt ein Mensch, der in einem Büro sitzt und nicht mehr weiss, worüber er nachdenken soll, weil alle Informationen, die sein Denken füttern, durch Maschinen laufen.

Ich sage nicht, dass nichts automatisiert werden soll. Vieles sollte es. Manches ist langweilig, repetitiv und fehleranfällig, und eine Maschine macht es besser. Aber die Frage, was danach bleibt, ist keine Nebenfrage. Sie ist die Frage. Und sie wird in der ganzen Debatte behandelt wie ein Nachsatz.

Was bleibt, wenn alles automatisiert ist? Die ehrliche Antwort wäre: Wir wissen es nicht. Niemand hat diese Liste je zu Ende gedacht, weil am Ende der Liste etwas steht, das niemand aussprechen will.

Am Ende der Liste steht die Frage, ob es noch Arbeit gibt.

Nicht ob es noch Beschäftigung gibt. Ob es noch Arbeit gibt, die ein Mensch tun muss, weil eine Maschine sie nicht kann. Die Antwort auf diese Frage entscheidet über mehr als Effizienz. Sie entscheidet über die Rolle des Menschen in einer Wirtschaft, die ihn möglicherweise nicht mehr braucht.

Das wäre die eigentliche Diskussion. Aber die findet nicht statt. Stattdessen gibt es Listen.