Der virtuelle Sekretär
Jeder Mitarbeiter kann jetzt eine Art virtuellen Sekretär haben. So heisst es überall. Der Satz klingt nach Demokratisierung. Nach Fortschritt. Alle bekommen, was vorher nur wenige hatten.
Ich hatte einmal eine Assistentin. Nicht weil ich wichtig war, sondern weil die Firma es so vorgesehen hatte ab einer bestimmten Stufe. Sie hiess Claudia. Sie hat meine Termine sortiert, meine Reisen gebucht, meine Telefonate gefiltert. Sie wusste, wann ich nicht gestört werden wollte. Sie wusste, wem sie durchstellen musste. Sie hat Entscheidungen getroffen, die ich nie bemerkt habe, weil sie richtig waren.
Claudia hatte eine Familie. Sie hat diesen Job gemacht, weil er gut bezahlt war und Verlässlichkeit bot. Sie war gut darin. Und sie war ein Mensch, der in einer Firma arbeitete, in der ihre Arbeit geschätzt wurde.
Wenn jeder Mitarbeiter jetzt einen virtuellen Sekretär hat, dann braucht niemand mehr Claudia.
Die Branche formuliert das anders. Sie sagt: Aufgaben, die früher Assistenzen vorbehalten waren, werden demokratisiert. Sie sagt: Jeder profitiert. Sie sagt nicht: Claudia verliert ihren Job. Sie sagt auch nicht: Assistenz ist ein Beruf, der verschwindet. Sie sagt: Jeder kann jetzt.
“Jeder kann jetzt” ist der Lieblingssatz der Technologiebranche. Jeder kann jetzt Musik produzieren. Jeder kann jetzt Filme schneiden. Jeder kann jetzt programmieren. Jeder kann jetzt einen virtuellen Sekretär haben. Was in diesen Sätzen fehlt, sind die Menschen, die diese Dinge vorher als Beruf ausgeübt haben. Sie kommen nicht vor. Sie sind das Vorher. Und das Vorher ist im Technik-Narrativ immer das Schlechtere.
Aber das Vorher war nicht schlecht. Das Vorher waren Jobs. Einkommen. Fähigkeiten, die jemand über Jahre aufgebaut hat. Beruflicher Stolz. Eine Identität, die an eine Tätigkeit geknüpft war. Das alles wird nicht demokratisiert. Das wird eliminiert. Demokratisierung und Elimination sind verschiedene Wörter für denselben Vorgang, je nachdem, auf welcher Seite du stehst.
Wenn du der Mitarbeiter bist, der jetzt seinen virtuellen Sekretär bekommt, feierst du. Wenn du die Sekretärin bist, die ersetzt wird, nicht.
Ich habe in den Neunzigern erlebt, wie Sachbearbeiter durch ERP-Systeme ersetzt wurden. Es hiess damals: Die Mitarbeiter werden für höherwertige Aufgaben freigesetzt. Freigesetzt. Das Wort klingt wie Befreiung. Es bedeutet: entlassen. Die höherwertigen Aufgaben waren meistens nicht da. Oder sie erforderten Qualifikationen, die die Freigesetzten nicht hatten. Aber das stand nicht in den Projektpräsentationen. Da stand: Effizienzgewinn.
Das Muster ist immer dasselbe. Die Technologie wird von oben beschrieben, für die, die sie kaufen. Nicht von unten, für die, die sie betrifft. Es wird zu Entscheidern gesprochen. Es wird über Mitarbeiter geredet. Nicht mit ihnen.
Jeder Mitarbeiter kann jetzt eine Art virtuellen Sekretär haben. In diesem Satz steckt ein Versprechen und eine Drohung, und beides wird mit dem gleichen Lächeln vorgetragen. Das Versprechen gilt denen, die den Satz lesen. Die Drohung gilt denen, die darin nicht vorkommen.
Claudia war eine gute Assistentin. Nicht weil sie Termine sortieren konnte. Das kann ein Kalender. Sondern weil sie wusste, was wichtig war, bevor ich es ihr gesagt habe. Weil sie spürte, wenn etwas nicht stimmte. Weil sie ein Urteil hatte.
Die Frage ist nicht, ob eine KI Termine sortieren kann. Das konnte Outlook vor zwanzig Jahren. Die Frage ist, was wir eigentlich meinen, wenn wir Sekretär sagen. Und ob das, was wir meinen, sich in Software abbilden lässt. Oder ob wir es nur glauben, weil wir es nie genau angeschaut haben.