Selbsttäuschung

Ich stand mit einer Tasche voller Silikonarmbänder auf einer Messe und sagte Sätze wie: Du wirst stärker. Stabiler. Ausgeglichener. Die Leute glaubten mir. Die Leute kauften. Und ich verdiente.

War es eine Lüge? Oder war es perfektes Marketing?

Die ehrliche Antwort: Ich weiss es nicht mehr. Der Übergang war fliessend. Am Anfang habe ich Fragen gestellt. Dann habe ich aufgehört.

Am Anfang war ich neugierig. Ich kam aus dem E-Commerce, hatte Marketing studiert, Firmen gegründet, Software gebaut. Mein Kompass war simpel: Was funktioniert? Wo ist Nachfrage? Dann kam der Test, und der Test funktionierte. Leute standen danach stabiler. Sie spürten etwas. Tausende. Sportler, Promis, ganz normale Käufer. Alle schworen drauf.

Dann kam die Wissenschaft. Doppelblind, kontrolliert. Das Ergebnis: Placebo. Kein messbarer Effekt. Keine Bio-Frequenz. Keine Energie-Resonanz. Was laut den Studien wirkte: Glaube, Erwartung, Gruppendynamik.

Jetzt stand ich dazwischen. Der Wissenschaftler sagt Nein. Der Kunde sagt Ja. Und ich verdiene.

Das ist der Moment, in dem Selbsttäuschung beginnt. Nicht als Entscheidung. Nicht als bewusster Akt. Sondern als leises Verschieben. Man stellt die eine Frage nicht mehr, die man stellen müsste. Man verschiebt sie auf morgen. Und morgen ist die Kasse wieder voll, und die Frage ist nicht mehr so dringend.

Die Franzosen haben ein Wort dafür: mauvaise foi. Schlechter Glaube. Man versteckt sich hinter dem Markt, hinter den Kunden, hinter der Rolle. Man tut so, als wäre man nicht frei. Als würde einen irgendwas zwingen.

Ich war frei. Ich hätte aufhören können. Jederzeit. Aber ich tat so, als wäre ich es nicht.

Man sieht sich selbst als gut, ohne es zu prüfen. Man hilft den Leuten ja. Sie fühlen sich besser. Sie glauben. Was soll daran falsch sein?

Was daran falsch war: Die Wirkung kam vermutlich aus dem Kopf der Käufer, nicht aus dem Silikon. Und ich ahnte das. Nicht von Anfang an. Aber irgendwann. Und dieses Irgendwann kam nicht als Schock. Es kam als schleichendes Wissen, das ich in eine Schublade steckte.

Ich habe die Täuschung erkannt. Das hat mich nicht gestoppt. Es hat mich professionalisiert. Ich wusste jetzt, wie es funktioniert. Ich wusste, welche Sätze ziehen. Ich wusste, dass der Test überzeugt, weil der Körper auf Erwartung reagiert. Und ich nutzte das Wissen weiter.

Das Dilemma, das ich nie ausgesprochen habe: Soll ich den Kunden ihre Illusion nehmen? Oder weiterverdienen?

Ich habe weitergemacht. Nicht als Zyniker. Als Mitspieler. In einem kollektiven Placebo, das alle wollten. Die Kunden wollten es. Die Händler wollten es. Der Markt wollte es. Und ich wollte es auch, weil die Alternative unbequem war.

Die grösste Täuschung war keine Verschwörung. Sie war der Wunsch von Millionen, dass es stimmt. Und ich habe das befeuert, weil ich davon gelebt habe.

Das ist keine Anklage. Das ist eine Beobachtung. Über mich. Über die Mechanik.

Ich habe die Täuschung erkannt. Das hat mich nicht gestoppt. Es hat mich besser gemacht.