Postfaktisch als Geschäftsmodell

Der Mehrwert zählt mehr als die physische Realität. Der Satz steht überall in der KI-Branche. Ich habe ihn unterstrichen, als ich ihn zum ersten Mal gelesen habe, weil er mir den Atem genommen hat. Nicht weil er schockierend ist. Sondern weil er so beiläufig dasteht.

Es geht um KI-generierte Inhalte. Um virtuelle Produkte, virtuelle Personen, virtuelle Erlebnisse. Die These ist: Es spielt keine Rolle, ob etwas physisch existiert, solange der Output für den Nutzer stimmt. Solange Engagement da ist. Solange Conversion da ist. Solange jemand klickt, kauft, interagiert.

Das ist kein Randgedanke. Das ist die zentrale Logik.

Und diese Logik hat einen Namen, der in einem anderen Kontext geprägt wurde. Postfaktisch. Als das Wort 2016 zum Wort des Jahres gewählt wurde, bezog es sich auf Politik. Auf die Idee, dass Fakten weniger zählen als Gefühle. Dass es egal ist, ob etwas stimmt, solange es wirkt.

Damals haben sich viele darüber aufgeregt. Es war ein Verfallssymptom. Ein Zeichen, dass etwas schiefläuft. Dass wir den Bezug zur Wirklichkeit verlieren.

Zehn Jahre später steht dasselbe Prinzip in jedem zweiten Branchentext, und niemand regt sich auf. Weil es diesmal nicht um Politik geht, sondern um Geschäft. Und im Geschäft war postfaktisch immer schon normal. Es hiess nur anders: Marketing.

Marketing hat schon immer mit der Lücke zwischen Realität und Wahrnehmung gearbeitet. Das Bild des Burgers sieht nicht aus wie der Burger. Die Werbung verspricht ein Gefühl, das das Produkt nicht liefert. Das wissen alle. Es stört niemanden. Weil wir gelernt haben, dass Werbung übertreibt. Wir haben den Code gelernt und das Übersetzen automatisiert.

Aber KI hebt das auf eine andere Ebene. Es geht nicht mehr um Übertreibung. Es geht darum, dass das Produkt selbst nicht real sein muss. Der Influencer existiert nicht. Das Foto zeigt einen Ort, den es nicht gibt. Die Rezension wurde nicht von einem Kunden geschrieben. Die Stimme am Telefon gehört niemandem.

Wenn der Mehrwert mehr zählt als die physische Realität, dann ist Realität ein Kostenfaktor. Etwas, das man einsparen kann. Warum einen echten Menschen fotografieren, wenn ein generiertes Bild billiger ist und besser performed? Warum einen echten Ort besuchen, wenn ein virtueller dieselbe Engagement-Rate hat? Die Logik ist konsistent. Sie ist auch wahnsinnig.

Ich meine das wörtlich. Der Wahnsinn liegt nicht darin, dass es funktioniert. Es funktioniert. Die Zahlen stimmen. Die Klicks kommen. Der Umsatz wird gemacht. Der Wahnsinn liegt darin, dass wir eine Wirtschaft aufbauen, in der Realität optional ist. In der du nicht mehr weisst, ob etwas echt ist, und es dir egal sein soll, weil der Output stimmt.

Stimmt er? Kurzfristig ja. Aber was passiert mit einer Gesellschaft, in der niemand mehr fragt, ob etwas real ist? In der die Frage selbst als irrelevant gilt?

Ich weiss es nicht. Und ich glaube, die Leute, die diese Systeme bauen, wissen es auch nicht. Aber sie stellen die Frage nicht. Für sie ist der Satz eine Feststellung. Keine Warnung. Keine Diagnose. Eine Beschreibung des Ist-Zustands, die gleichzeitig eine Empfehlung ist: So funktioniert es. Mach mit.

Der Mehrwert zählt mehr als die physische Realität. In einer anderen Zeit hätte man diesen Satz als Dystopie geschrieben. Heute steht er in Praxishandbüchern.

Zwischen diesen beiden Einordnungen liegt etwas, das wir verloren haben. Ich bin mir nicht sicher, ob wir einen Namen dafür haben. Aber es fehlt.