Ethik als Blitzableiter

Mir ist beim Lesen von Business-Büchern über KI etwas aufgefallen, das ich erst nach einer Weile benennen konnte. Jedes Kapitel hat einen Abschnitt über Ethik. Jedes einzelne. Und keiner davon führt irgendwohin.

Das Muster ist immer dasselbe. Zuerst die Begeisterung: Was KI in diesem Bereich kann. Dann die Anwendung: Wie man sie einsetzt. Dann die Ergebnisse: Was andere erreicht haben. Und dann, kurz vor Schluss, ein Absatz mit dem Wort “ethisch” oder “verantwortungsvoll” darin. Er nennt ein Problem. Er mahnt zur Vorsicht. Und dann geht das nächste Kapitel los.

Der Absatz verändert nichts. Er stellt keine Forderung, die das vorher Beschriebene in Frage stellt. Er zieht keine Konsequenz. Er sagt: Hier gibt es ein Thema. Und dann lässt er es stehen.

In der Elektrotechnik gibt es ein Bauteil namens Blitzableiter. Seine Funktion ist, eine Spannung abzuleiten, bevor sie Schaden anrichten kann. Die Ethik-Abschnitte in Business-Büchern funktionieren genauso. Sie nehmen die Spannung, die entstehen könnte, wenn jemand fragt “Ist das richtig?”, und leiten sie ab. In einen Absatz. Dann ist sie weg. Das nächste Kapitel kann ungestört weitermachen.

Es ist ein Ritual. Keine Analyse.

Rituale erkennt man daran, dass sie immer gleich ablaufen. Die Ethik-Abschnitte sind austauschbar. Du könntest den Ethik-Absatz aus dem Marketingkapitel in das HR-Kapitel verschieben, und er würde immer noch funktionieren. Die Formulierungen sind generisch genug. “Es ist wichtig, ethische Aspekte zu berücksichtigen.” “Unternehmen sollten transparent kommunizieren.” “Die Verantwortung liegt letztlich beim Menschen.” Sätze, die stimmen und nichts sagen.

Ich habe versucht, aus diesen Ethik-Abschnitten eine konkrete Handlungsanweisung abzuleiten. Etwas, das ein Manager morgen anders machen würde. Ich habe keine gefunden. Nicht eine. Die Abschnitte erzeugen das Gefühl, dass Ethik berücksichtigt wurde, ohne dass sich irgendetwas ändert.

Das ist kein Versehen. Es ist die Funktion. Business-Bücher brauchen Ethik-Abschnitte wie Lebensmittel ein Mindesthaltbarkeitsdatum brauchen. Nicht weil der Inhalt es erfordert. Sondern weil das Format es verlangt. Ein Business-Buch ohne Ethik wirkt rücksichtslos. Also wird Ethik eingefügt. An der richtigen Stelle. In der richtigen Dosierung. Genug, um den Anspruch zu markieren. Nicht genug, um das Argument zu gefährden.

Was mich stört, ist nicht die Oberflächlichkeit. Oberflächliche Ethik-Diskussionen gibt es überall. Was mich stört, ist die Wirkung. Wer diese Abschnitte liest, hat danach das Gefühl, die ethische Frage sei behandelt. Erledigt. Abgehakt. Der Blitz wurde abgeleitet. Man kann weitermachen.

Aber die Fragen sind nicht erledigt. Was passiert mit den Mitarbeitern, die durch KI ersetzt werden? Nicht die Frage, ob sie ersetzt werden. Sondern was dann passiert. Wohin gehen sie? Wer zahlt die Umschulung? Wer trägt die Kosten des Übergangs? Diese Fragen tauchen in keinem Ethik-Abschnitt auf. Weil sie konkret sind. Und konkrete Fragen lassen sich nicht in einem Absatz ableiten.

Was passiert mit der Qualität von Entscheidungen, wenn die Menschen, die sie treffen, die Analyse nicht mehr verstehen? Was passiert mit dem Vertrauen, wenn Kunden nicht wissen, ob sie mit einem Menschen oder einer Maschine sprechen? Was passiert mit einer Gesellschaft, in der die Fähigkeit, Wahrheit von Plausibilität zu unterscheiden, jeden Tag ein Stück weiter erodiert?

Das sind keine Fragen für einen Absatz am Ende eines Kapitels. Das sind Fragen, die ganze Bücher füllen. Aber sie füllen keine Business-Bücher. Weil Business-Bücher verkaufen wollen. Und Fragen, die kein Kapitel auflöst, verkaufen schlecht.

Also bleibt es beim Ritual. Ein Absatz pro Kapitel. Genug Ethik, um das Gewissen zu beruhigen. Nicht genug, um das Geschäftsmodell zu stören. Der Blitz wird abgeleitet. Das Gebäude bleibt stehen. Und niemand fragt, ob es hätte treffen sollen.