Fast ein Jahrzehnt habe ich in einem Münchner Büro verbracht. Es war südseitig ausgerichtet und hatte ein sehr großes Fenster. Es kam also viel Licht rein und das hätte eigentlich reichen sollen, aber was ich durch dieses Fenster sah, war ein Parkplatz und ein dominantes Beton-Gebäude gegenüber. Dahinter waren, gerade noch sichtbar über der Dachkante des gegenüberliegenden Gebäudes, eine Baumgruppe und ich konnte davon eigentlich nur die Wipfel sehen, wie sie sich im Wind bewegten. Das war meine tägliche Erinnerung, dass Natur existierte, aber sie war für mich nur am Feierabend und an den Wochenenden erreichbar.
Ich ertappte mich immer wieder dabei, wie ich verträumt diese Bäume anstarrte. Jeden Tag derselbe Blick und jeden Tag dieselbe Lücke zwischen dem Ort, an dem ich saß, und dem Ort, an dem ich sein wollte. Die Jahreszeiten und das Wetter boten gerade so viel Abwechslung, dass ich noch an diesen Ort glaubte. Aber diese Lücke schloss sich trotzdem nie.
Das klingt nach einer Kleinigkeit, die es aber nicht war. Es war eine konstante, niedrigschwellige Spannung, die nie nachließ. Die Bäume waren direkt da, aber ich konnte sie nicht mal mit meinen Blicken greifen, so dass sie Bestandteil von meiner Umgebung wurden. Ich saß also hinter Glas und schaute auf einen Parkplatz. Und das Gebäude gegenüber. Aber das war ein Betonklotz mit Fenstern. Im obersten Stock bot ein Fitness-Studio Abwechslung, vor allem abends, wenn die Lichter an waren. Aber über die Jahre gewöhnte ich mich zu sehr an immer die gleichen Menschen darin.
Ich habe über die Jahre auch immer wieder in anderen Räumen gearbeitet. Manche fühlten sich spürbar anders an. Ich konnte dort arbeiten und danach gehen, ohne diese Spannung mit nach Hause zu nehmen.
Das Gebäude, das gegen dich arbeitet
Jedes Jahr verlieren amerikanische Unternehmen 190 Milliarden Dollar durch Burnout. Und das sind nur die Gesundheitskosten. Rechnet man Produktivitätsverlust, Fluktuation und Fehlzeiten dazu, ist die echte Zahl wahrscheinlich dreimal so hoch. Keine Ahnung, wie man das weiter hochrechnet.
Interessant war auch, dass sich um dieses Problem ganze Industrien bildeten und kräftig mitverdienten: Wellness-Apps, Resilienz-Training, Führungskräfte-Coaching, Mental-Health-Tage. An Kreativität mangelt es offenbar nicht, um die Symptome gewinnbringend zu behandeln.
Aber niemand spricht über das Gebäude und den Büroraum, der sich darin befindet und in dem ein Mensch sitzt, dem diese Symptome zu schaffen machen.
Mein Fenster in München hatte gutes Licht. Nach den meisten Standards war es ein ordentliches Büro. Aber der Blick erzeugte eine Spannung, die ich jeden Tag mit mir trug. Es war nicht nur der Blick alleine, es war auch die Konstellation, wie die umliegenden Gebäude angeordnet waren und mein Büro mit dem großen Fenster dem direkt ausgeliefert war. Keine HR-Abteilung war für mich zuständig und meine Spannung ließ sich auch mit keiner Meditations-App reparieren. Sie war konstant da.
Das ist nicht nur meine Erfahrung
Ihab Elzeyadi von der University of Oregon hat 2011 Mitarbeiter in einem Verwaltungsgebäude untersucht (Elzeyadi, 2011). Diejenigen mit Blick auf Bäume und Landschaft nahmen 16% weniger Krankheitstage als die ohne Aussicht. Die Qualität der Aussicht war also ein entscheidender Faktor für Fehlzeiten, nicht die Arbeitslast und nicht der Führungsstil. Es war der Blick in die Natur, der die Fehltage senkte.
Das ist alles gut untersucht. Trotzdem denkt beim Bauen kaum jemand daran.
Dabei ist längst untersucht, was ein Raum mit dem Körper macht. Fangen wir beim Licht an. Boubekri verglich 2014 Büroarbeiter mit und ohne Fenster, und die mit Fenster schliefen im Schnitt 46 Minuten länger pro Nacht (Boubekri et al., 2014, Journal of Clinical Sleep Medicine). Eine kleine Studie, aber der Abstand war deutlich, und er zog sich durch Schlaf, Stimmung und Konzentration.
Dann der Blick nach draußen. Roger Ulrich hat schon 1991 gezeigt, dass sich Blutdruck und Muskelspannung nach einem Stressmoment schneller beruhigen, wenn man auf Natur schaut statt auf eine Straße. Es braucht dafür nicht den Wald vor dem Fenster. Schon eine Pflanze auf dem Schreibtisch senkt die Stressreaktion messbar (Lohr et al., 1996, Journal of Environmental Horticulture).
Beim Schall wird es unangenehm. Lärm ist die häufigste Klage in Großraumbüros, Kim und de Dear haben das 2013 an über 40.000 Befragten nachgezählt (Journal of Environmental Psychology). Naturgeräusche drehen es um: bei Alvarsson erholte sich der Körper 9 bis 37 Prozent schneller als unter Bürolärm (Alvarsson et al., 2010).
Die Luft merkt niemand, bis das Denken nachlässt. Satish hat 2012 gemessen, dass die Entscheidungsleistung bei schlechter Belüftung einbricht, bei viel CO2 bis fast zum Stillstand (Satish et al., 2012, Environmental Health Perspectives). Der Befund ist umstritten, die Richtung aber plausibel.
Und wer sich nirgends zurückziehen kann, erschöpft schneller (Laurence et al., 2013).
Das alles ist seit Jahrzehnten in der Fachliteratur nachzulesen.
Warum das niemand erkennen kann
Wenn ein Unternehmen Burnout angehen will, dann müssen die HR-Abteilungen aktiv werden. Und die denken in Programmen. Das Gebäude selbst ist nicht ihre Abteilung.
Wenn jemand nach der physischen Umgebung fragt, existiert das Gebäude natürlich schon. Die Entscheidungen, die zählen, also wo die Fenster sind, wie hoch die Decken sind, was man sieht, wenn man hochschaut, wurden Jahre vorher getroffen, von Leuten, die nie an Stress gedacht haben.
Facility Management kommt auch zu spät. Sie können Pflanzen aufstellen und Akustikpaneele montieren, aber die Fenster können sie nicht versetzen.
Die echte Entscheidung geschieht vor dem Architekten. In dem Moment, wenn die Grundsatzentscheidung gefällt wird, dass ein Gebäude gebaut werden soll. Das ist der Moment, in dem die Frage gestellt werden sollte: Was soll dieses Gebäude mit den Menschen darin machen? Am besten noch vor der Standortentscheidung, weil der Standort mitbestimmt, wie Gebäude und Umfeld auf den Menschen wirken.
Zwei Szenarien
Neubau: Wenn man von Anfang an für Menschen plant, ist der Kostenunterschied minimal. Gute Ausrichtung kostet genauso viel wie schlechte Ausrichtung. Die Aussicht ist eine Planungsentscheidung und kein direkter Kostenfaktor.
Das Ergebnis kann ein Gebäude sein, das Probleme an der Wurzel verhindert. Die Fluktuation sinkt, die Krankheitstage sinken, die Mietverträge laufen länger. Die Renditen folgen.
Bestandsgebäude: Jetzt zahlt man doppelt. Einmal für das ursprüngliche Design, einmal um es zu reparieren. Die meisten Unternehmen kommen über kurz oder lang hier an, wenn sie falsch geplant haben. Und falsche Planung ist vermeidbar, wenn man die richtigen Daten heranzieht bzw. die richtigen Planer hat.
Die Rechnung
Der durchschnittliche Mitarbeiter im professionellen Dienstleistungsbereich generiert 572.000 Dollar pro Jahr. Verlorene Zeit durch stressbedingte Abwesenheit und Ablenkung kostet etwa 17.000 Dollar pro Mitarbeiter. Das sind 3% der produktiven Kapazität, die einfach verpuffen.
Ein Büro mit 200 Leuten, das 3% verliert, verbrennt 3,4 Millionen Dollar pro Jahr.
Elzeyadi fand, dass allein eine bessere Aussicht 11 Stunden pro Mitarbeiter und Jahr zurückholt. Bei 200 Mitarbeitern sind das 605.000 Dollar im Jahr.
Die Lücke
Ich muss immer an mein Büro mit dem großen Fenster mitten in München denken. Das Licht war wirklich super und vielleicht der Grund, warum ich darin so lange durchgehalten habe. Aber die Aussicht war ein ernstzunehmendes Problem, weil sie mir jeden Tag zeigte, wo ich nicht sein kann. Wie ein konstantes leises Störgeräusch, das ich als Stressfaktor jeden Abend mit nach Hause nahm. Mir war klar, dass beim Planen dieses Gebäudes niemand an mich gedacht hatte. Aber jemand hatte es genau so entschieden. Schade. Denn es wäre nicht kompliziert gewesen.